46 ihrer Mauern herumtrieb, beweist, dass er jetzt wirklich persönlich befangen war, und lässt uns sein Schwanken und seine Kreuz- und Querzüge nicht ohne Mitleid verfolgen. Raben, die er in der Nähe der Stadtmauern erblickte, streiten miteinander und ein Theil derselben fällt todt zur Erde nieder; Pythagoras, der Hephästions Tod vorher verkündigt hatte, prophezeit aus dem dem Opferthiere fehlenden Leberlappen auch ihm den Untergang¹); das Diadem jagt der Wind von seinem Haupte ins Wasser und ein armer Seesoldat, der, um dasselbe beim Schwim- men unversehrt zu erhalten, es auf seinen Kopf setzt, wird auf den Rath der Zeichendeuter hin gezüchtigt ²); ein blödsinniger Mensch, der während der Anwesenheit des Königs sich erlaubt hat- te, auf dem Throne Platz zu nehmen, wird gefoltert ³): lauter Zufälle, welche der sonst vorur- theilsfreie König früher übersehen oder mit einem Scherze beseitigt haben würde, die aber jetzt einen niederschlagenden Eindruck auf ihn machen. In der That, wenn wir nicht annehmen, dass die Quellen diese düstern Zeichen vor seinem nahen Ende erfindungsreich zusammengedrängt, um diesem unglücklichen Ereignisse mehr Bedeutung zu verleihen, können wir nicht umhin, zumal da alle diese Fälle zur Vermuthung irgend eines politischen Hintergedankens von Seiten des sonst stets berechnenden Helden nicht den geringsten Anhaltspunkt bieten, bei ihm nunmehr wirklichen Aberglauben vor- auszusetzen. Was sich schon bei manchen grossen Persönlichkeiten bestätigt hat, dass Frei- geisterei in Aberglauben umgeschlagen, das lässt sich nach dem Vorausgehenden schwerlich bei Alexander in Abrede stellen. Der Tod Häphästions war nach dem Zeugnisse Arrians ¹). für ihn ein harter Schlag; die Inschrift, welche er auf dem Grabmahle des Cyrus gelesen, hatte, wie Plu- tarch meldet ⁵), einen tiefen Eindruck auf ihn gemicht; die Worte, welche man dem auf dem Scheiterhaufen sterbenden Calanus in den Mund legteé), mochten ihm Besorgniss für sein Leben eingeflösst haben; die traurigen Erfahrungen, die er an so vielen von ihm begünstigten Satrapen seines Reiches gemacht und die unerbittliche Bestrafung derselben, zu der er sich genöthigt sah, hatten ohne Zweifel in ihm eine nicht zu bewältigende Bitterkeit hervorgerufen; die Treulosigkeit mancher seiner Grossen war dazu angethan, ihn mit einem quälenden Misstrauen und einer pei⸗ nigenden Besorgniss für die Erhaltung seines Lebens und seines Thrones zu beunruhigen; dabei waren die ausserordentlichen Mühseligkeiten des vieljährigen Feldzuges, so wie der übermässige Lebensgenuss gewiss nicht spurlos an seinem Körper und Geiste vorübergegangen. Allerdings hatte er noch Kraft genug zur Entwerfung weitaussehender Eroberüngspläne und zur sofortigen Inangriffnahme der grossartigen bezüglichen Vorbereitungen?), demungeachtet macht sein gan- zes Benehmen den Eindruck, als habe ihn das Gefühl von der Vergänglichkeit alles Ir- dischen und seiner eigenen Person mächtig angewandelt und als habe das Streben dieselbe von sich selbst abzuwenden verbunden mit dem Gefühle seiner Ohnmacht und dem Mangel an Ver- trauen auf eine höhere Macht ihn den finstern Gewalten des Aberglaubens und des Fatalismus in die Arme geführt, mit denen er so lange sein Spiel getrieben. So hätte denn der alte, lebenserfahrene Plutarch Recht, wenn er von ihm behauptet?): 0 5· 05v AXlS„0« 65 92s rörs S”C ra dela.
¹) Arr. VII, 18, 1. Plut. Alex. 73. 2) Arr. VII, 22, 2. 3) Arr. VII, 24, 2. ⁴) Arr. VII, 16. 8. ⁵) Plut. Alex. 69. ⁶) Arr. VII, 18, 6. 2) Arr. VII, 19, 3, 8) Plut. Alex. 75.


