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wodurch sich viele Widersprüche erklären lassen, und endlich durch den krankhaften Zu- stand Ruskins in seinen letzten Lebensjahren. Der Redner schilderte alsdann die Jugend Ruskins, seine puritanischen Eltern und die dementsprechende Erziehung, den Einfluss des kunstsinnigen Vaters, der mit der Familie umherreiste, die Absicht der Eltern, ihren Sohn zum Primas von England zu erzieheen und das Scheitern dieser Hoffnungen. Dann besprach er Ruskins erstes schriftstellerisches Auftreten, das ihn mit 23 Jahren zum ersten Kunstkritiker Englands gemacht hat.(„Modern Painters, 1842 ff.“) Zehn Jahre lang habe R. in selbstlosester Weise zur Verteidigung der Kunst des Landschaftsmalers Turner gekämpft.
Aber die Liebe zur Kunst war, wie Mr. Hudson Shaw weiter ausführte, nicht die oberste Leidenschaft Ruskins. Höher als die Kunst stand ihm die Natur. Durch seine Kunstkritik bezweckte er, die Menschheit nicht nur zu einem höheren feineren Kunst- sinn zu führen, sondern vor allem zu einem Verständnis der Natur. Es war sein Lebens- werk, die Menschheit zu lehren, dass sie die Schönheit der Natur, der Werke Gottes erkennen und lieben lerne. Nie hatte die Natur in England einen solchen Dolmetscher wie Ruskin, den Hohenpriester der Natur, der mit allen Waffen seiner Beredsamkeit für die Erhaltung der Schönheit in derselben gegenüber dem Nützlichkeitsprinzip kämpfte. „Wir hatten Augen und sahen nicht; er gab uns Augen zum Sehen. Er gab der Menschheit ein verlorenes Paradies wieder, Eden mit den geringsten, einfachsten Dingen in der Natur in strahlender Schöne“, rief der Redner begeistert aus.—
Mehr aber noch als die Natur hatte R. die Menschheit in sein Herz einge- schlossen. Er kümmerte sich noch leidenschaftlicher um den sozialen Fortschritt als Tolstoi. Das in England und der Schweiz beobachtete Elend veranlasste ihn, seit 1860 einen Kreuzzug gegen soziale Missstände zu führen. Er, der im Leben so sanſfte Mann, verfocht seine Ildeen in rücksichtsloser Weise, schwang die Geissel der Ironie gegen Un- wissenheit und Bosheit. Seine Lehre und seine Botschaft fanden zwar sch arfe Wider sacher, doch auch zahlreiche Anhänger. Er gewann die Menschen besonders durch die grosse Ubereinstimmung in seinem Lehren und Handeln. Ihm, dem Kämpfer für Wahr- heit und Recht, ist in seinem ganzen Leben keine unedle That nachzuweisen. Er arbeitete weder um Geld noch um des Ruhmes willen und verwandte sein grosses Vermögen im Interesse, im Dienste der Menschheit und zwar nicht nur zur Linderung der vorhandenen Not, sondern mehr noch, um die Quellen von Not und Elend zu verstopfen. Darum verlangte er Erziehung des Volkes, geistige und sittliche Hebung der unteren Volks. schichten durch die oberen. Um deswillen predigte er praktisches, auf Gerechtigkeit und Liebe, die stärkste aller Mächte, gegründetes Christentum und suchte das Volk für hohe sittliche Ziele zu gewinnen. Auch trachtete er darnach, die Ethik in die Geschichts- betrachtung einzuführen. Das Volk solle als das grösste angesehen werden, welches die grösste Anzahl edler und glücklicher Menschen besitze, habe R. gelehrt.— Mr. H. Sh. sprach dann vonden wechselnden Ansichtenund Neigungen Ruskins hinsichtlich des religiésen Bekennt- nisses und erklärte dies namentlich durch seine Erziehung. Sein Glaube sei in den letzten Jahren gewesen: Glaube an Gott, an die Unsterblichkeit, an Arbeit, Freude und Reinheit.
Ferner erläuterte der Redner, gewissen Behauptungen gegenüber, Ruskins


