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teresse für das Volksbildungswesen. Welcher Wandel ist seitdem eingetreten! Regierung und Parlament haben durch 3 Gesetze das Volksschulwesen geordnet. Private Vereini- gungen und Stadtverwaltungen bemühen sich aufs eifrigste, das Mittelschulwesen nament- lich in Bezug auf Realbildung zu fördern, die Frauenbildung zu heben und selbst Er- wachsenen weitgehende Fortbildung mõöglich zu machen. Vor allem aber geht man darauf aus, das Bildungsbedürfnis zu wecken und zu pflegen. Die Anregungen hierzu liegen meines Erachtens auf verschiedenen Gebieten. Sie sind teils ethischer, teils wirtschaft- licher, teils politischer Natur.
Das Oxforder Meeting von 19001 bot eine vortreffliche Gelegenheit, diese Bil- dungsbestrebungen kennen zu lernen, nach ihren Quellen, nach den Motiven der leitenden Persönlichkeiten und nach den Zielen. Man konnte dies alles beobachten gleichsam als einen in Thatigkeit befindlichen Organismus. Die Beobachtungen an dem genannten Orte sind besonders wertvoll, weil Oxford durch seine grosse Universität einer der wich- tigsten Punkte für das geistige Leben Englands ist. Nun sind aber jetzige und frühere Universitätslehrer die treibenden Kräfte auf dem Gebiete der Volksbildung. Ihr durch das Tutorsystem grosser Einfluss auf das geistige Leben des englischen Volkes wird heute noch bedeutend gesteigert durch die Univ. Extension Movement. Diese gestattete ihnen im vorigen Jahre, 19000 Personen den Stempel ihres Geistes aufzudrücken. Meine Leser bitte ich, mir zu verzeihen, dass ich noch einmal abschweife, um einiges bezüglich der „University Extension Movement“ zu sagen, die unter den Bestrebungen des heurigen England vielleicht in erster Linie unsere Aufmerksamkeit erfordert.
Ihr Ziel ist, jedermann Gelegenheit zu schaffen für eine höhere Bildung des Geistes und des Herzens. Die Bewegung will so viel als möglich die Vorteile der Uni- versitätsbildung auch denen sichern, die eine Universität nicht beziehen können. Sie sucht aber nicht nur einen den Bedürfnissen des Volkes entsprechenden Unterricht zu gewähren, sondern das Verlangen nach solchem zu wecken und zu nähren. Ferner will man dem Volke die besten Bücher zugänglich machen und die Jugend zu einem richtigen Gebrauche der Bücher, zum Selbstunterricht anleiten. Das Unterrichtsverfahren wird kräftig unterstützt von ständigen und den jeweiligen Bedürfnissen entsprechenden Wander- bibliotheken. In dem gleichen Sinne wirkt„The National Home-Reading Union“, die eine für Selbstunterricht eingerichtete Zeitschrift herausgibt.
Die University Extension Movement begann 1850 in Oxford. Bis 1883 hatte sie nur geringe Erfolge zu verzeichnen, obwohl auch Cambridge seit 1873 mitwirkte. Seit 1885 hat die Bewegung einen bedeutenden Aufschwung genommen. Heute bestehen in 180 Orten Englands sogenannte Centren, welche die geschäſtliche Seite der Sache in der Hand haben. Von den Centren stehen 128 in Verbindung mit Oxford. In den von letzteren eingerichteten Kursen wurden im vorigen Jahre 10000 Personen unterrichtet. Die von hier aus geleiteten Anstalten in den verschiedenen Teilen des Landes hatten bis 1900 insgesamt 278 800„students“. Die Volkshochschulkurse in ganz England wur- den im Jahre 19000 von 50000 Personen besucht. Die Lehrer sind Graduierte der Uni- versitât, Bischöfe, Privatgelehrte etc. Lehrgegenstände sind: Geschichte, Kunst, Litteratur, Sprachen, Naturwissenschaft und Wirtschaftslehre. Ein Kursus in einem einzelnen Fach umfasst 6— 12 Stunden in einem Semester. An die Vorträge schliessen sich jedesmal


