Aufsatz 
Das Oxforder Summer Meeting von 1901 als Volksbildungsmittel und sein Wert für die deutschen Lehrer des Englischen / von J. Luley
Entstehung
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emem solchen Meeting zu erhalten, noch viel weniger aber geeignete Vorschläge für die Vorbereitung hierzu. Eine warme, aber nur kurz gehaltene Empfehlung findet sich bei H. Breymann: Die neusprachliche Reform-Litteratur von 18941809.

Die von Herrn Paul Schmidt in Grimma verausgabten Programme bieten trotz der Mannigfaltigkeit der Mitteilungen nicht mehr als ein Gerippe. Es kommt eben fast alles auf die Art der Ausführung an. Es scheint mir daher ratsam, dass jemand seine in Oxford oder Cambridge gemachten Erfahrungen in nicht allzu knapper Weise zu Nutz und Frommen der Lehrerwelt veröffentlicht. Dieser Aufgabe will ich mich unterziehen und das Oxforder Sommer-Meeting von 1901 schildern. Das Bild wird und kann zwar nicht vollständig sein, da eine solche Arbeit den Rahmen einer Programm- schrift beträchtlich überschreiten und wegen der Mannigfaltigkeit der Darbietungen in- haltlich unmöglich sein würde.

Was ich zu geben gedenke, ist erstens eine übersichtliche Schilderung der Einrichtung, und dann eine ziemlich ausführliche Wiedergabe einzelner Darbietungen an der Hand meiner Aufzeichnungen, ergänzt durch Berichte zweier Zeitungen(The Oxford Chronicle und The Oxford Times) und statistisches Material, das mir als Besucher des Meetings zugänglich war. Hieran wird sich eine Kritik anschliessen von den in dem obigen Titel gekennzeichneten Standpunkten, endlich werde ich Verbesserungsvorschläge machen, die ich teilweise mit Kollegen in Oxford besprochen habe. Es liegt nicht in meiner Absicht, wissenschaftlich Neues zu bieten; vielleicht wird aber der oder jener meiner Leser einiges Volkskundliche finden, das ihn interessiert.

Ehe ich die versprochenen Ausführungen beginne, möchte ich noch in Kürze die Frage stellen und beantworten: Warum gehen wir Lehrer der neueren Sprachen ins Ausland? Unser Aufenthalt in demselben hat einen doppelten Zweck. Wir wollen vermehren: I. unsere Sprachkenntnisse, 2. unsere Sachkenntnis. Zu ersterem gehört wohl: Verbesserung der Aussprache, Vervollkommnung des Verständnisses der ge- sprochenen Sprache und der Fähigkeit, Gedanken und Gefühle in der fremden Sprache richtig und gewandt auszudrücken. Zum zweiten Punkt scheint mir zu gehören, dass wwir uns bemühen, Stätten, Gebäude und dergl., die in der Geschichte, der Litteratur und dem wirtschaftlichen Leben des betreffenden Volkes eine Rolle spielen oder gespielt haben, aus eigener Anschauung kennen zu lernen, vor allem aber das Volk selbst zu studieren, sein inneres und äusseres Wesen, seine Einrichtungen, seine Bestrebungen auf den verschiedenen Gebieten des geistigen und materiellen Lebens. Ohne diese Kennt- nisse wird uns die moderne Litteratur vielfach unverständlich bleiben und unser Unter- richt einseitig und unvollkommen sein. Studien auf obigen Gebieten werden uns nicht nur befähigen, gründlicher und erfolgreicher in der Schule, d. h. für das zukünftige Leben unseres Volkes zu arbeiten, sondern wir können auch der Gegenwart nützlich sein, indem wir anregend und aufklärend wirken, ein richtiges Verständnis des fremden Volkes er- möglichen helfen, ein Verständnis, das kein grosses Kulturvolk ungestraft vernach- lässigen kann.

Eine für das heutige England charakteristische Erscheinung ist das vielseitige und energische Bestreben zur Hebung der Volksbildung. Bis 1870 kümmerte sich der Staat nicht um das Schulwesen, und auch die grosse Masse des Volkes zeigte wenig In-