Ausdruck jenes großartig geſchauten Verhältniſſes zu Gott erreicht der Dichter des Rolands⸗
liedes in der Schilderung des einſamen Todes ſeines Recken(2375 ff.): Li quens Rollanz se jut desuz un pin: Envers Espaigne en ad turnet sun vis... De plusurs choses à remembrer li prist: De tantes teres... li ber.. cunquis, De dulce France, des humes de sun lign, De Carlemagne, sun seignur, ki l'nurrit, Ne poet muer n'en plurt e ne suspirt. Mais lui meisme ne voelt metre en ubli; Cleimet sa culpe, si priet Deu mercit ¹): „Veire paterne, ki unkes ne mentis, „Seint Lazarun de mort resurrexis „E Daniel des leuns guaresis, „Guaris de mei l'anme de tuz perilz „Pur les pecchiez que en ma vie fis!“ Sun destre guant à Deu en puroffrit, E de sa main seinz Gabriel l'ad pris. Desur sun braz teneit le chief enclin: Juintes ses mains est alez à sa fin. Deus.. tramist sun angle cherubin, ........., Seint Michiel de l'Peril; Ensemble od els seinz Gabriel i vint. L'anme de l'Cunte portent en pareis.
Am Kampfe zwiſchen Heiden und Chriſten wird der Kampf zwiſchen Treue und Untreue aufgezeigt, den dann in der ritterlichen Geſellſchaft ſelber die„gestes“ der getreuen und ungetreuen Vaſallen von Geſchlecht zu Geſchlecht(Vererbung der Eigenſchaften, Blutrache) weiterführen ²).
(Das Raſſegefühl dem äußeren Feinde gegenüber wie dem„vilain“ iſt vorhanden, der Staatsgedanke aber wird durch Könige, wie Looys und Pepin, einfach vernichtet. Und doch— wie ſchwer wird es den loyalen Lothringerfürſten, ihrem elenden König aufzuſagen!)
Daß die chriſtliche Tendenz die Menſchen noch nicht zu wahren Chriſten macht, zeigt das Epos überall. Von den ſtreitbaren Biſchöfen war ſchon die Rede. Das Außerliche der Kultusübung beweiſt ſo manches Beiſpiel im Epos. Vgl. Keutel a. a. O.
Uber den dichteriſchen Wert der altfranzöſiſchen Epik gehen die Anſichten weit auseinander. Gautier iſt ihr dithyrambiſcher Verherrlicher, Gaſton Paris ſchreibt objektiver, aber ungerecht:„Le style n'a rien d'individuel: c'est, comme on l'a dit excellemment un: „Style national.“
Keinesfalls läßt ſich ja das franzöſiſche Epos mit unſerer deutſchen Heldendichtung oder Homer vergleichen. Dennoch wäre es nicht richtig trotz der breiten Wüſte, die der Leſer
7
¹) Solche Gebete, die ſich manchmal über hunderte von Verszeilen erſtrecken und große Teile der bibliſchen Geſchichte rekapitulieren, finden ſich häufig. Während die Ependichter mit der Hiſtorie willkürlich arbeiten, ſind ſie im Bibliſchen ſehr gut beſchlagen, in Feudalverhältniſſen aber unbedingt zuverläſſig!
²) Wenn man von dieſem ſittlichen Problem ausgeht, werden ſich manche„ſchreienden Widerſprüche“ in der Auffaſſung namentlich des Königtums löſen(pgl. Rom. Forſch. XXV, 325 f.).


