Aufsatz 
Zum Wesen des altfranzösischen Epos / Ferdinand Werner
Entstehung
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. des Epos durchſchreiten muß, die erquickenden Oaſen zu vergeſſen. Die ältere Forſchung ſteht nooch zu ſehr unter dem Einfluſſe der Theorie Steinthals, um ganz unbefangen ſolche Höhepunkte der epiſchen Entwicklung wie Roland, Renaus de Montauban, Raoul de Cambrai, die Loherains würdigen zu können. Die Sterbeſzene Rolands, in ihrer, man möchte ſagen, naiven Größe ¹), Begons Glück und ſein tragiſches Ende auf der Eberjagd ²), wie die Hunde ihn jammernd umkreiſen und ſeine Todeswunde mit rauher Zunge lecken, des Verräters Macaire Kampf mit einem treuen Hund(Macaire 71 ff.), Begons Zwieſprache mit ſeinem Roſſe Baucent, die ergreifende Erzählung von Baiart, dem Wunderpferde des von Karls Haſſe verfolgten Renaus de Montauban, Berniers Untergang durch ſeines Schwiegervaters Hand und viele andere von echten Poeten geſchaffene Epiſoden ſprechen dafür, daß man der epiſchen Dichtung unſrer Nachbarn trotz alledem unrecht tut, wenn man ihr jeden individuellen Charakter abſtreitet.

Ja, noch mehr! Das altfranzöſiſche Epos iſt oftmals ſubjektiver als jedes andere, namentlich dort, wo es provinzialiſierte Geſchlechterſage geworden iſt, wie z. B. in den Loth⸗ ringergeſten.

Denjenigen aber, die ſich auf die Form ſtützen, braucht man nur die drei älteſten Epen Roland(Zehnſilbner), Gormont und Iſembart(Achtſilbner), die Karlsreiſe(Alex⸗ andriner) entgegenzuhalten, um zu zeigen, daß tatſächliche Unterſchiede vorhanden ſind. Ander⸗ ſeits läßt ſich die Ausbildung eines gewiſſen epiſchen Stiles nicht leugnen. Gleichwohl zeigen alle beſſeren Ependichtungen ein eignes Geſicht, was man z. B. vomKunſtepos nicht durch⸗ weg behaupten kann(vgl. auch Schwan, Litbl. 1888, ſp. 222). Hätte Chreſtien jene ausge⸗ ſprochene Individualität, die man denVolksepen ſo gerne abſtreitet, dann könnte um die Autor⸗ ſchaft desWilhelm von England nicht ein ſolcher Disput entſtanden ſein. Paul Meyer und G. Paris, die Gelehrten derRomania, haben Chreſtien als Verfaſſer rundweg ab⸗ gelehnt, erſt Wendelin Foerſter und ſein Schüler Rud. Müller haben nachgewieſen, daß derWilhelm nach Sprache, Stil und Reim wohl doch Chreſtien zuzurechnen iſt.

¹) Nachgeahmt iſt ſie übrigens von Jehan Bodel, dem Dichter der Saisnes, bei Baudouins Ende. 1») Das Eberjagdmotiv findet ſich auch in Daurel et Beton und in Auberi. In dieſem Epos außerdem die Totenklage des treuen Hundes.