Aufsatz 
Zum Wesen des altfranzösischen Epos / Ferdinand Werner
Entstehung
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11. Germaniſch ſind die alten Berater(vgl. Voretzſch S. 48 und Rom. Forſch. XXV, 391 f.), germaniſch ſind Sippe¹) und Waffenbrüderſchaft), als uralter germaniſcher, vielleicht indogermaniſcher Schatz erſcheinen die Sprichwörter ¹³).

¹) Ueber die Sippe ſ. Flach II, 435 ff.; vgl. auch Rom. Forſch. XXV, 352; 433 f. Sie iſt ein Kind wilder Zeiten, denen durchgreifende öffentliche Gewalt fehlte.Le fief n'offrait par lui-méême, ni au seigneur ni au vassal sécurité suffisante(Flach II, 485). Das Lehnsverhältnis konnte ſich löſen, aber Blutsbande nicht. (Renaus 195/11:Car cuers ne puet mentir.)

Die Sippe mit ihrer vollkommenen Intereſſengemeinſchaft(Renaus 113/5; Gir. de Rouſſ.§§ 403, 480; Loh. II, 55, 65, 133; III, 133; Fierabras 59; Capet 235; Gui de Nant. 13 2c.), ihrem Zuſammenhalt in Recht und Unrecht, Not und Tod, bietet ſtärkeren Halt als Königsbann und Lehnsverband.

Au grant besoin connoist-an son ami heißt es Loh. III, 33 und Girb. de Metz 458/ leſen wir: Qui son neis coupe, il deserte son vis. Aus der engen Zuſammengehörigkeit der Sippegenoſſen erwächſt die Pflicht zu oft geſchlechterverwüſtender Blutrache. Vgl. Gir. de Viane 22:OQuant ne me puis de lor père vangier, Li fil por lui si le comparront chier. Loh. III. 146: Grans est la guerre qui onques ne prist fin; Sainte Marie! mervoille est a oir, Qu'apres les peres la reprenent li fil. Loh. II. 40:Mieus vouroie estre trainés à roncins, Ne me vengeasse dou Loherenc Garin. Vgl. noch Aiol 4393, 4431; Jourdain 94 ff., 115 ff., 220 ff. 2c. Allerdings muß bemerkt werden, daß ſich Blutrache(auch Blutsbrüderſchaft) bei faſt allen Völkern in roheren Zu⸗ ſtänden findet, ſo auch bei Römern und Griechen. In Corſica, Montenegro, in ſlaviſchen Ländern herrſcht ſie bis in unſre Zeit hinein, ebenſo bei den Arabern und anderen Völkern Afrikas, Aſiens und Amerikas.

Das wichtigſte Verwandtſchaftsverhältnis innerhalb des Sippeverbandes iſt das zwiſchen Oheim und Neffen. Vgl. Waitz!, 67 ff.; Brunner, 82; Schröder 63; Amira 137, vor allem Tacitus, Ger- mania, ed. Halm, Lipsiae 1870, cap. XX:..... sororum filiis idem apud avunculum qui apud patrem honor quidam sanctiorem artioremque hunc nexum sanguinis arbitrantur et in accipiendis obsidibus magis exigunt tamquam et animum firmius et domum latius teneant. S. auch Alisc. 26:Je suis tes oncles, m'as ore plus prochain, Fors Damedieu. Foulque 8:Tos jors''oi dire; ains venge niès que frere; ähnlich Aye 83; Loh. I, 135:Cis est mes oncles, je ne le dois laissier.

Enf. Og. 2212: Foi que je doi le duc Namlon porter, Le mien chier oncle que je doi moult amer. Vgl. noch Raoul 295318, 339 f.; Loh. III, 125; Aiol 2643 f.; Loh. II, 102, 238; Foulque 160; Capet 22; Enf. Og. 436 f.; 1115; Narb. 7910 ff.; Raoul 2104 ff.; Girbert de Metz 481/27 f.; Mort Aymeri 552; Gayd. 3, 22 ꝛc.

Zwar gibt es auch ſchurkiſche Oheime(Loeys in Raoul de Cambrai; pgl. auch Guill. de Palerne 51 ff.), doch gelten ſie als Ausnahmen. Bedauernd ſagt der Dichter:Or ne sai ge on se peut fier, Quant Poncle velt le neveu afoler. Aehnlich iſt das Verhältnis des Oheims(auch der Tante) zur Nichte. Vgl. Foulque 132; Orſon 14, 3580 u. ſ. w.

Zur furchtbarſten Tragik führt das Blutgeſetz in Raoul de Cambrai, dem neben den Lothringern und vielleicht Renaus de Montauban deutſcheſten Epos in fremdſprachigem Kleide. Der alte Guerri le Sor erſchlägt ſeinen eigenen Schwiegerſohn Bernier von Ribemont, als beide nach langen Jahren an der Stelle vorüber reiten, wo einſt der wilde Raoul, der Neffe Guerris, durch Berniers Schwert den Tod gefunden.

²) Ueber Waffenbrüderſchaft(compagnonnage) ogl. Flach II, chap. VII; Amira 146 ff.; Tamaſſia 194. Die ſog.Blutsbrüderſchaft war, wie bereits geſagt, bei Griechen und Römern nicht unbekannt. In ſüdſlaviſchen Gebietsteilen beſteht ſie noch heute(ogl. Ciszewski: Künſtliche Verwandtſchaft bei den Süd⸗ ſlaven, Leipzig 1897). Bei afrikaniſchen Völkerſchaften iſt ſie gang und gäbe. Deutſche Forſcher, wie Dr. Peters und Dr. Kolb, haben mit ſchwarzen Häuptlingen Blutsbrüderſchaft geſchloſſen.

Freilich, eigentlicheBluts⸗Freundſchaften werden in unſerem Epos nicht getätigt. An die Stelle des Blutgenuſſes tritt der chriſtliche Eid, der auf Reliquien abgelegt wird; vgl. Aiol 4520 ff.; Loh I. 102:Mes compains estes et pleivis et jurés. S. auch Loh. I. 124:Compaignons d'armes avons esté lons tens. Vgl. ferner: Aiol 2584, 6505; Orſon 31, 332, 840; Renaus 237]34; Chev. Ogier 5462; Ypain 6005 f.; Sax. IIl, 108, 112; Gir. de Viane 153 ꝛc.

Auch dieſe Art perſönlicher Bindung diente der Sicherheit des Einzelnen(Gütergemeinſchaft ꝛc. Loh. 1, 102, 103, 111; Sax. II. 105 u. ſ. f.)

Die Bezeichnung für Waffenbruder iſtcumpains,compaignon oderCompere(vgl. unſer deutſches DialektwortKombeer, Kumbeer). Die Anredesire cumpains(Roland 1113) klingt wieder in dem Herr Bruder des deutſchen Volksliedes. Das ſchönſte Bruderband knüpft die alte Poeſie zwiſchen Olivier und Roland im Todestale Ronceval.