Aufsatz 
Zum Wesen des altfranzösischen Epos / Ferdinand Werner
Entstehung
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Neben dem feudalen Charakter zeigt das altfranzöſiſche Epos ein ſtarkes, unbeſtreitbares und auch heute von Franzoſen nicht mehr abgewieſenes germaniſches Element.).

Schon in vorchriſtlicher Zeit kamen germaniſche Kriegerſcharen über den Rhein. In den Tagen des Claudius Civilis kämpfen Kelten und Germanen vereint gegen die römiſche Herrſchaft.

Ubier, Sigambrer und Franken wurden von den Römern als Grenzwächter in Gallien angeſiedelt.

Im weiteren Verlauf der Geſchichte errichten die Weſtgoten ihre Herrſchaft in Südgallien, und die Burgunden ſetzen ſich in Savoyen feſt.

Doch waren das gegenüber der Maſſe des Galloromanentums nur verlorene Haufen. Tiefer ging der Einfluß der Alamannen(Lautoerſchiebungl!), die ſich links des Oberrheins niederließen.

Und dann kamen die Franken. Dierace conquérante nahm von Gallien Beſitz, unterwarf die Römer, Burgunden, Weſtgoten und Alamannen. Über die breite Menge der Gallo⸗ romanen, die ſich nach der römiſchen Munizipalverfaſſung zurückſehnten(vgl. Perrens I, S. 17), ſchob ſich rückſichtslos die waffentüchtige fränkiſche Kriegerkaſte. Hiermit ſetzt, wenn wir von der weit ſpäteren normänniſchen Invaſion abſehen, der entſchiedenſte Einfluß des germaniſchen Weſens auf die franzöſiſche Kultur ein.

Er zeigt ſich in der Verfaſſung, in der Sprache(Namengebung, Waffenbezeichnung u. ſ. w.) und vor allem in der Dichtung. Wenn der rechtsgeſchichtliche Gehalt des altfranzöſiſchen Epos einmal ganz ausgeſchöpft ſein wird und das wird ſo bald noch nicht geſchehen dann dürfte ein Vergleich der franzöſiſchen Rechtsaltertimer mit den deutſchen an der Hand der Forſchungen Grimms und ſeiner Nachfolger eine lückenloſe Ubereinſtimmung ergeben.

Germaniſch ſind im Epos Gefolgſchaftsweſen uud Lehnsmannstreue(ogl. Rom. Forſch. XXV, 407 ff. und 430 ff.), germaniſch iſt der gottesgerichtliche Zweikampf(ſ. Pfeffer und Breſſlau a. a. O.). Germaniſch ſind die Berichte von Brautfahrtsſagen, von der Ver⸗ bannung oder Vertreibung eines Fürſten und von ſeiner Rückkehr mit Hilfe getreuer Vaſallen. An langobardiſche Überlieferung erinnert die Stelle in Girbert de Metz, wo Girbert den Schädel des erſchlagenen Fromont von Lens zu einem Becher umformen und dem Sohne des Toten, Fromondin, darreichen läßt. Vom Schwerte zwiſchen Mann und Frau als Beweis der Unbe⸗ rührtheit des Weibes(Amis et Amiles und Triſtanſage) erzählt auch die altdeutſche Dichtung. Als germaniſches Gut muten uns an die Unverwundbarkeit des Helden, die Entſcheidung eines Krieges durch Zweikampf, der Zwergkönig Alberon(Alberich) in Huon de Bordeaux, die Rieſen im Kampfe mit Helden, die Luft⸗ und Waſſergeiſter, die Namengebung für Pferde und Schwerter(vgl. Roland, Renaus, Lothringerepos), der Tod reckenhafter Helden durch Meuchelſchuß auf der Jagd(Begons Tod im Lothringerepos, ſ. auch Auberi).

¹) Ob in den Kelten, die uns als hellhaarige, weißhäutige und hochgewachſene Menſchen geſchildert werden, nicht auch Germanen zu erblicken ſind, läßt ſich nicht entſcheiden. Dafür ſprechen der Charakter des franzö⸗ ſiſchen Sprichwortes und die Art des franzöſiſchen Volksliedes, das in ſeiner Lieblichkeit, Sangbarkeit und Friſche ſo gar ſehr an unſere mittel⸗ und oberdeutſche volkstümliche Liederdichtung erinnert. Demgegenüber fehlt der franzöſiſchen Kunſtlyrik trotz Muſſet und anderer dieſer intime Reiz, wofür man ja zum Teile Ronſard und Malherbe verantwortlich machen kann. Vielleicht gilt aber auch dasFrisia non cantat für die Franken, die als Nation der Tat der epiſchen Dichtung zuneigten.