ganges. Chreſtiens Dichtung bildet zum Teil eine Reaktion gegen den herben Ernſt des Epos, wie der Romantismus gegen den Klaſſizismus, der Pſychologenroman gegen Zola und den Naturalismus. Aber der Gegenſatz iſt nur verhältnismäßig, nicht unbedingt. Der cham⸗ pagniſche Dichter ſteht im„Erec“ der Technik des Epos noch ſehr nahe, das zeigen ſeine Polemik gegen die„conteors“, die realiſtiſche Darſtellung, ſeine Schilderung des Verhältniſſes zwiſchen Mann und Frau, der verhältnismäßige Reichtum an unreinen Reimen, die ſtehenden Beiwörter u. a. m. Sein König Artus mit der Tafelrunde erinnert an Karl den Großen und die„douze pairs.“ Vielfach finden ſich auch im ſog.„Volksepos“ höfiſche Elemente. So in Huon de Bordeaux, in Boeve de Hiaumtone, in Orson de Beauvais, in Elie ¹), Aiol und andern. Hervis iſt ein ausgeſprochener Abenteuerroman. Ob dieſe höfiſchen Elemente nun durch Chreſtiens Dichtung in das„Volksepos“ kamen, oder ob nicht die Beeinfluſſung durch morgen⸗ ländiſche Kultur, die Heranbildung der Ritterideale des 12. Jahrhunderts:„chevalerie, courtoisie, galanterie“, das Bekanntwerden der bretoniſchen Stoffe ganz allgemein die dichteriſche Entwick⸗ lung beeinflußten, läßt ſich nicht entſcheiden.
Manche„Volksepen“ zeigen wenig oder nichts von„höfiſchen“ Einflüſſen auf. Das kommt vielleicht daher, daß die Einwirkung der neuen Kulturelemente nicht überall gleich einſetzte, und daß das Epos allmählich provinzialiſiert und lokaliſiert wird(Geſchlechter⸗ ſage, Stammesgeſang!). So erklärt es ſich denn auch, daß neben den„höfiſchen“ Romanen die chansons de gestes weiterblühen und noch im XIV. Jahrhundert nicht ganz ausklingen, während der höfiſche Versroman nur von 1150— 1400 dauerte. Chreſtiens und ſeiner Nach⸗ fahren Dichtung war ein Seitenzweig am breiten Baume des Epos, eine höfiſche Mode(vgl. Foerſter, gr. Ypainausgabe, 1887, Einltg. XXVIII), der es nicht gelang zur Alleinherrſchaft zu kommen. Adenès li Rois und Girard von Amiens ſchrieben„Volks⸗“ und„Kunſtepen.
Die altfranzöſiſchen(Helden⸗) Epen werden ſchon ſehr früh, ſei es von ihren Ver⸗ ſaſſern oder von ordnenden Jongleuren, als„Chansons de geste“(gestes) ²) bezeichnet und ſind demgemäß als Geſchlechterſage, Stammesgeſang(Tobler S. 144) zu betrachten. Schon im Rolandslied beim Prozeſſe Ganelons zeigt ſich das Gegenübertreten der großen Sippe⸗ verbände.„Geſchlechtsgedicht“ iſt L. Uhlands Vorſchlag(VII, 136), Nyrop und Schnee⸗ gans bezeichnen das Epos als„Heldengedicht“(heldedigtning). In zahlreichen Diſſertationen der„Ausgaben und Abhandlungen“ findet ſich der Ausdruck„Karlsepos“, doch iſt er viel zu eng gefaßt(vgl. Tobler, Litbl. 1885, Sp. 20).
Wenn wir, von der Struktur der altfranzöſiſchen Geſellſchaft ausgehend, den Geiſt betrachten, der aus der epiſchen Produktion im ganzen ſpricht, und zu wem allein er ſo reden konnte, ſo müſſen wir„Volksepos“ ebenſo ablehnen wie„Karlsepos“.„Geſchlechterſage, Stammes⸗ geſang“ iſt ſehr gut, aber nicht alles umfaſſend, ebenſo„Nationalepos“. Liegt uns daran, das „Epos“(dieſer Name allein könnte ſchon genügen) nach ſeinem innerſten Weſen zu charakteriſieren, ſo wäre„Feudalepos“ die einzig erſchöpfende Bezeichnung. Denn die Weltanſchauung der lehnsritterlichen Geſellſchaft ſpricht gleich lebhaft aus dem Roland wie dem Guillaume de Palerne, aus Gaydon wie aus dem Perceval.
¹) Elie 1580 findet ſich eine Stelle über Frauendienſt: Der„amiral“ ſagt zu einem Heiden „Drus estes Rosamonde, nos le sauons asses, Por la soie amistiet est uostre escus troues. Vous en feres bataille uolentiers et de gre, Or porteres se manche en bataille campel.“
²) Dieſe Schreibweiſe, wie ſie von Aubertin, Flach, P. Paris, La Paäquerie, Roſières u. a. gebraucht wird, erſcheint mir richtiger als die ohne— s, die ſich an„gesta“ anlehnt. Die Bedeutung von„geste“ i*ſt ja verſchieden. Vgl. Du Méril, Introd. zu Loh. III, p. V. Doch beſagt das Wort(neben Epos, Taten) in den meiſten Fällen„Familie, Stamm, Volk“(Foulque 70, Elie 2264, Renaus 237); ſo wird es auch von Flach II, 447 aufgefaßt. S. auch Gautier, Gloſſ. zu Roland.


