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Der„vilain“ hatte ein Intereſſe an Ruhe, bei der ſeine Werte ſchaffende Arbei gedieh, die Feudalen brauchten Krieg. Foulque 858:—„l novele jostéor Qui désirent la guerre et ont de pais paor.“ Das Epos erzählt in endloſen„Laiſſen“ von dauernden Kämpfen gegen die Heiden, von geſchlechterverwüſtender Blutrache, von Krieg und Mord und Brand und Verwüſtung. Und bei alledem mußten die arbeitenden Stände die Zeche bezahlen. Aub. (Tobler) 99: Les poures gens en ont partout le pis; Loh. III, 63: Et mainte vache, et maint buef ont mené Dont li povre gent furent desbareté. Vgl. Loh. I, 166 f.; II, 41; Elie 314. Beſtand zwiſchen„vilain“ und„gentil“(„franc“) da eine Intereſſen⸗, eine Poeſie⸗ gemeinſchaft?. Und doch gibt es im Epos„vilain“-Figuren, die von jener Klaſſenfeindſchaft nicht berührt werden. Es ſind die„komiſchen vilains“(vgl. Hünerhoff l. c.), aber dieſe ſtammen faſt ausnahmslos von adeligen Eltern ab(ebda S. 7) und leiſten den Feudalen wertvolle Dienſte. Daß der ausgeprägteſte Typ jener Gattung, Rainoart(in Aliscans), wie Schneegans(S. 67) glaubt, als„Geſtalt der Volksphantaſie,“ oder gar nach Falks(Etude soc. 117) Meinung als „un champion de la démocratie“ in das Epos aufgeſtiegen ſei, hat wenig für ſich. Denn R. iſt ein mauriſcher Königſohn und Schwager des Grafen Wilhelm von Orenge. Gerade R. er⸗ ſchlägt und mißhandelt wirkliche„vilains“ in der gewalttätigſten Weiſe. Und warum ſollte ſeine plumpe Komik der„Volksdichtung“ entſtammen? Müßte dann die lächerliche Figur des Sene⸗ ſchalls Keus in die Artusromanen nicht ſchließlich auch der Volksphantaſie entſprungen ſein? Und die Dichtung Chreſtiens hat doch wohl noch niemand für volkstümlich gehalten. Nein, der „komiſche vilain“ war für das Epos eine gleiche Notwendigkeit, wie die Zoten und Hans⸗ wurſtiaden im mittelalterlichen geiſtlichen Drama, wie der Narr bei Shakeſpere.
Wenn im Rolandslied„vilains“ nicht genannt ſind(vgl. übrigens die Erwähnung der„burgeis“ von Saragoſſa, Rol. 2691), ſo iſt das wohl nicht mit Laviſſe, l. c. III, 410, als das Schweigen der Verachtung aufzufaſſen, ſondern erklärt ſich unſchwer aus dem ganzen Milieu der Roncevalſchlacht,¹) ſofern man nicht darauf hinweiſen will, daß die ſozialen Verhältniſſe ſich zur Zeit, wie das Rolandslied entſtand, noch nicht ſo feindlich geklärt hatten, wie in den Tagen des„Hue Capet“ und des„Baudouin de Sebourc.“
Wohl gibt es auch Treuverhältniſſe zwiſchen Bürgern und adeligen Herrn. Der „ostes“, bei dem der über Land reitende Burgherr abſteigt und übernachtet, wofür jener oft reichen Lohn erhält, tritt im Epos häufig auf.
Die Einwohner von Ribemont(vgl. Raoul 6704, 7580 ec.) ſtehen zu Bernier, freuen ſich und leiden mit ihm. Aber hier führen gemeinſame Intereſſen beide Teile zuſammen, (ogl. auch Guill. de la Barra 4732 ff., 5158 ff.). Schutzbedürftigkeit bringt die Schwachen zu den Starken. Ueber die wahre Geſinnung der großen Maſſe, die ja auch immer zahlreicher als„communes“ zu den Reiterheeren ſtoßen mußte, laſſen die Volksaufſtände in Stadt und Land keinen Zweifel(vgl. Laviſſe lI, 31; Perrens 1. c. passim).
Gibt es kein franzöſiſches„Volksepos“, ſo läßt ſich ihm gegenüber der ſchulgerechte Ausdruck„höfiſches“ oder„Kunſt“⸗Epos nicht feſthalten.„Höfiſch“ ſind beide. Nur am Herren⸗ hof fanden ſie ihr Publikum, nur im Burgſaal war für ſie eine dankbare Reſonanz. Sie bilden keine ausgeſprochenen Gegenſätze(der Reim bei Chreſtien iſt nichts Neues; er findet ſich ſchon in ſehr alten Literaturdenkmälern), ſondern was im allgemeinen unter„Volksepos“ und „Kunſtepos“ verſtanden wird, bedeutet verſchiedene Stufen eines gleichen poetiſchen Entwicklungs⸗
¹) Gleichfalls der Handlung und dem Schauplatz des Rolandsliedes entſprechend iſt die Stellung der Frau, die nach Krabbes, a. a. O. 7, im älteren Epos keine beſondere Rolle ſpiele(Bramimonde und Alde im Rolandslied!). Schon in der Karlsreiſe und in Aliscans indeſſen tritt die Frau ſtärker hervor.


