Aufsatz 
Zum Wesen des altfranzösischen Epos / Ferdinand Werner
Entstehung
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blicken. Der Streit, ob Kantilenen, ob Anekdoten oder Sagen von den Tatſachen zur epiſchen Geſtaltung hinüberleiten, iſt müßig. Viele Wege führen nach Rom. Ebenſowenig läßt ſich in jedem Falle annehmen, daß die Dichtung ſofort einſetzte. Daß dies geſchehen kann, iſt bekannt (ogl. die Entſtehung desPrinz Eugen u. a. m.). Sicherlich aber brauchte eine größere Dichtung und vor allem die ausgeſprochene Tendenzpoeſie, wie ſie ſich im Epos dar⸗ ſtellt bis zum Reifen beträchtliche Zeit. Wohl bezeugen uns Einhard(WVita Caroli Magni, cap. 29) und der Poeta Saxo das Vorhandenſein epiſcher Gedichte im 9. Jahr⸗ hundert, aber das eigentliche Epos iſt wohl erſt im 11. oder 12. Jahrhundert geworden, hat vielleicht ſogar ſeine Entſtehung dem unmittelbaren Einfluß der Kreuzzugsbewegung zu verdanken.

Ueber die Verfaſſer der altfranzöſiſchen Ependichtung ſchreibt Langlois in der Introd. ſeiner Ausgabe des Cor. Looys(XVID):Les auteurs de nos chansons de geste, en général, n'étaient pas des clercs et ne pouvaient lire les textes latins. Im Gegenſatz dazu bin ich der Meinung, daß als Verfaſſer unſerer Epen im allgemeinen nur Weltgeiſtliche, wie ſie ja in größerer Anzahl an den Fürſtenhöfen lebten, und Leute mit geiſtlicher Bildung anzu⸗ nehmen ſind. Nur ſie können leſen und ſchreiben. Es gilt als Ausnahme, wenn ein Ritter über ſolchegelehrten Künſte verfügt. Niemals verſäumt es der Dichter, gebührend auf der⸗ artige Fälle hinzuweiſen.(Vgl. Hervis 263 u. a. m.). Derclerc, der Briefe abfaßt und vorlieſt, findet ſich auf jeder Burg.

Und wie kann man ſich den Vortrag der endloſen Tiraden ſo vieler Epen anders denken als mit Hilfe ſchriftlicher Feſtlegungen bewirkt? Man traut den Leuten des Mittelalters unglaubliche Gedächtnisſtärke zu. Man nimmt z. B. die Worte Wolframs imWillehalm: SWaz an den buochen stéèt geschriben, des bin ich künstelos gebliben heute noch allen Ernſtes für bare Münze und merkt gar nicht den Schalk, der aus den Worten ſpricht. Wolfram, der über eine erſtaunliche Beleſenheit und Bildung verfügt, ſoll nicht haben leſen und ſchreiben können! Er war ebenfalls eine Ausnahme unter ſeinen Standesgenoſſen! Wir wiſſen, daß auch der(weltliche) Adel ſich eifrig an der Dichtung beteiligte. Der älteſte Troubadour, den wir kennen, iſt Graf Wilhelm IX. von Poitiers. Die adeligen provenzaliſchen Troubadours ſind bekannt, doch auch in Nordfrankreich ſang an den Höfen mancher Mann von hohem Rang. Adel und Geiſtlichkeit bilden aber die herrſchenden Klaſſen in Frankreich. Sie walten auf Gütern und in Abteien. Und wie ſtand es mit Schwert und Streitroß? Uns iſt aus der Geſchichte bekannt, was die Panzerreiter der Biſchöfe z. B. für Otto I. bedeuteten; wir leſen im Epos von dem kampfgewaltigen Erzbiſchof Turpin, der ſich luſtig macht über betende Mönche, von dem wilden Biſchof Lancelin, dem Hagen der altfranzöſiſchen Dichtung u. ſ. w.(Vgl. weitere Bei⸗ ſpiele bei Maſſing 41 ff.)

Auf den Kaſtencharakter der franzöſiſchen Feudalität ſoll noch eingegangen werden. Daß die mit den Adeligen blutsverwandten höheren Geiſtlichen ſich ſtreng von den unteren(auch geiſtlichen) Schichten abſonderten, iſt für Deutſchland erwieſen. Es war in F. nicht anders. Die meiſten Verfaſſer von Epen ſind uns zwar nicht mit Namen oder Beruf genannt. ¹1) Von Bertrand de Bar-sur-Aube wiſſen wir indeſſen, daß er Geiſtlicher war. Er verfaßte: Aymeri de Narbonne und Cirart de Viane. Und in Aymeri hören wir davon, daß ſich auch in Klöſtern Publikum für epiſche Dichtung findet. Aymeri 854: En abaie et en religion Doit en oir d'Aymeri la chançon. Ja ne la doit deffandre sages hon, Car en toz tans escouter la doit on.....

Das altfranzöſiſche Epos iſt weder ſubjektiv noch objektiv eine Volksdichtung. G. Büchner hat in ſeiner Diſſertation über das Lothringerepos die bekannte Theorie Stein⸗

¹) über Geiſtliche als Verfaſſer von Epen ſ. Maſſing 97 f.