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Roland in ſeiner vorliegenden Geſtalt die UÜberarbeitung eines weit kürzeren Epos) iſt, ſo muß auf der andern Seite der Stand der verfaſſungsrechtlichen Entwicklung, den kein Um⸗ arbeiter willkürlich ändern kann, ein„terminus ad quem“ ſein. Und da weiſt ſchon Nyrop(313 ff.) darauf hin, daß die Menſchen im Roland die Sprache des elften Jahrhunderts ſprechen, die Waffen des elften, nicht des achten Jahrhunderts tragen.
Es iſt fernerhin wohl zu beachten, daß im älteſten wie im jüngſten Epos der Lehns⸗ ſtaat ſtabiliert iſt wie ein„rocher de bronce.“ Die„Stabilierung“ des Grundſatzes„nulle terre sans seigneur“ iſt aber erſt unter Karl dem Kahlen, im Jahre 877 durch das Capitulare von Kiersy-sur-Oise(vgl. Bourgeois a. a. O.) erfolgt ²).
Weiter ſehen wir im Epos, daß der comes palatii, der zu Karls Zeiten noch ein wichtiges tatſächliches Hofamt ausübte, nur mehr noch den Titel„cuens palais“(pgl. Werner, Rom. Forſch. XXV., 380 f.) ohne Amtsgewalt bewahrt hat. Es fehlen im Epos die Königsboten mit den Rechtsbefugniſſen, die ihnen zu Karls Zeiten eigen waren. Der Graf iſt nicht mehr Königsbeamter, die öffentlichen Gewalten des Staates haben ſich dezentra⸗ liſiert. Das Königtum ſteht der Entwicklung meiſt ratlos gegenüber. Umſo lauter erſchallt im Epos der Hochgeſang auf die ſtolze Feudalritterſchaft.
Zu beachten iſt außerdem die im Epos häufige Bezeichnung„roi de Saint-Denis.“ Dieſe Bezeichnung geht zurück auf Louis VI., der im Jahre 11 22 Comte du Vexin und als ſolcher Schutzherr der Abtei von St. Denis wurde.(Vgl. Glossaire zu Orson de Beauvais, p. p. G. Paris, p. 187.)
Schließlich ſei noch auf die ſprachliche Entwicklung hingewieſen, auf das Ringen mit der Form(Vorherrſchen der J⸗Aſſonanz, ſtehende Formeln und Beiwörter ꝛc.) auch noch im ſpäteren Epos und auf die Notwendigkeit der ſofortigen ſchriftlichen Fixierung des epiſch Dar⸗ geſtellten, ſobald es ſich um größere Werke handelt.
Wenn es uns auch nicht möglich iſt, das Alter des franzöſiſchen Epos mit Sicherheit zu beſtimmen, ſo darf man doch über das Chlotarlied(aus der zweiten Hälfte des 8. oder der erſten Hälfte des 9. Jahrhunderts) nicht allzuhoch hinaufgehen.(Vgl. Voretzſch 135).„Be⸗ ſonders aber iſt romaniſcher Heldenſang vor oder unabhängig neben der auf germaniſch⸗fränkiſcher Grundlage ruhenden franzöſiſchen Epik nirgends erwieſen“(ebda).
Vielleicht trifft es das Richtige, wenn wir ſagen: Tours und Poitiers leiten die vorbereitende Zeit ein, die Erzählung wandelt ſich in Sage, das gewiß vorhandene Lied auf die Großtat des Hammers— ſicher noch in fränkiſcher Sprache— verhallt, denn die allein des Schreibens kundige Geiſtlichkeit überliefert es oder ſeine Kunde nicht, weil Karl ſie übel behandelte. Sein Name in den Sagen verſchmilzt mit dem Karls des Großen. Jeder Held findet ſchon bei⸗ Lebzeiten ſeinen Sänger(ogl. Moniages Guillaume) und nach ſeinem Tode erſt recht. In Liedern und Legenden(vgl. den Mönch von St. Gallens), auch in hiſtoriſchen Berichten haben wir die Vorſtufe zum großen Epos, gewiſſermaßen epiſche Konzepte und Studien zu er⸗
¹) Unter dem, was Taillefer auf dem Haſtingsfelde„von Roland und manchem frommen Held“ ſang, muß man ſich ein Lied auf eine Kampfepiſode in der Roncevalſchlacht vorſtellen, das Taillefer improviſierte, oder das, was wahrſcheinlicher iſt, allgemein bekannt war.
²) Im Epos iſt die Erblichkeit der Lehen nirgends beſtritten. Somit kämen wir zu dem terminus post quem 877, oder wenn wir uns auf Manteyer ſtützen:„Au milieu du Xe siècle l'existence des fiefs héré- ditaires est partout un fait accompli“ in noch ſpätere Zeit. S. Etudes d'histoire du moyen âge dédiées à G. Monod, Paris 1806: L'origine des douze pairs, p. 102..
³) Der Mönch von St. Gallen ſchrieb auf Geheiß Karls des Dicken die Sagen über Karl den Großen auf, die ihm von ſeinem Pflegevater, dem Kriegsmanne Adalbert, erzählt worden waren.— Sagen bezeugen uns auch die fränkiſchen Chroniſten Gregor und Fredegar.


