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Ein Epos war in den blutigfinſteren, jedes moraliſchen Geſetzes baren Zeiten der Brunechildis und Fredegunde, wie in den Tagen, wo die Merowinger nur noch als Scheinkönige auf dem Throne ſaßen, unmöglich. Die große ſittliche und nationale Idee fehlte. Nur eine ſolche vermag ein Epos zu ſchaffen.
Und deshalb ſchon allein ſtelle ich mich auf den Boden Lots(a. a. O. 130): En un mot, Phypothèse de l'épopée mérovingienne est aussi peu démontrée après le livre de M. K. qu'après celui de M. Rajna.“(Scil.:„Le origini dell' epopea francese, Firenze 1884.)
Die ſittliche(religiöſe und nationale) Idee, das Gefühl geiſtiger und volklicher Zuſammengehörigkeit machten ſich erſt geltend, als die Mauren hereinbrachen und zugleich in Karl dem Hammer der vaterländiſche Held erſtand ¹). Die Schlacht zwiſchen Tours und Poitiers(732) und die Kämpfergeſtalt des großen Hausmeiers ſtehen am Anbe⸗ ginn der nationalen Heldendichtung. Heidentum und Chriſtentum— auch der Raſſe⸗ gegenſatz wird im Epos wohl empfunden ²)— ſtoßen hier mit ungeheurem Anprall aufeinander. „Paien unt tort, e chrestien unt dreit“, heißt es im Rolandslied(1015). Die Woge des kämpfenden Mohammedanismus kommt zum Stehen. Aber drohend brandet ſie weiter vor und hinter den Pyrenäen. Mit Naturnotwendigkeit ergibt ſich, um auf die Dauer den mauriſchen Scharen Einhalt zu gebieten, ſchon in den ſchweren Kampfesſtunden des Jahres 732 das Streben nach der Schaffung eines Reiterheeres. Mit dieſem aber ſetzt der mittelalterliche Lehns⸗ ſtaat ein, und parallel der Entwicklung der lehnsritterlichen Geſellſchaft läuft die des alt⸗ franzöſiſchen Epos. Beide gehören zuſammen, beide haben gemeinſame Wurzeln, das Epos und ſein Publikum wachſen auf dem gleichen Untergrund.
Aber wie der Feudalſtaat nicht gleich feſtgegliedert daſteht, braucht auch das Epos Zeit zum Werden. Die drei älteſten uns bekannten Epen ſind das Rolandslied, die Karlsreiſe, Gormont und Iſembart. Das älteſte, die Chanson de Roland, iſt man neuerdings bereits ge⸗ neigt in den Anfang des 12. Jahrhunderts zu ſetzen. Das wären 400 Jahre ſeit der Mauren⸗ ſchlacht! Indeſſen ſind die drei genannten Epen inhaltlich und formell ſo ſehr von ein⸗ ander verſchieden, daß ſie nicht am Beginne der epiſchen Entwicklung ſtehen können. Freilich allzuweit dürfen wir nicht zurückgehen. Denn wenn wir auch ſelbſtverſtändlich zugeben, daß der
¹) Karl Martell regierte als Major domus 20 Jahre lang das fränkiſche Reich. Er unterwarf die Frieſen, Bayern, Alamannen und einen Teil der Sachſen. Er gebot in Thüringen und ſchlug die Araber(ſ. oben), deren er ſich mit Hilfe der Langobarden auch noch im Jahre 739 erwehren mußte. Er machte Aquitanien wieder abhängig und gewährte dem Bonifatius Schutz. Der Kirche gegenüber wahrte er indeſſen ſeine Unabhängigkeit. Er folgte dem Papſte nicht, als dieſer ihn zum Kriege gegen die Langobarden anreizte, um ſich ſelber einen freien Kirchenſtaat zu gründen. Bekannt iſt auch die Konfiskation kirchlicher Güter durch Karl.(Vgl. Loh. I, 3 ff.; Maſſing 127 f.) Er kehrte ſich auch bei Beſetzung von Klöſtern wenig um die geiſtliche Befähigung des Bewerbers. Die Hauptſache war ihm militäriſche Tüchtigkeit. Daß die Kirche dieſem rückſichtsloſen Draufgänger nicht ſonderlich gewogen war, leuchtet ein. So kommt es denn wohl, wenn wir von der natürlichen Verwechslung der verſchiedenen Träger des Namens Karl abſehen, daß Karl Martell ſo ſehr im Epos in den Hintergrund tritt, während der kirchenfromme Karl der Große alles überſchattet. Voretzſch meint(l. c. 214 ff.), daß in Mainet, Girars de Roussillon, Renaus de Montauban nicht Karl der Große, ſondern der Hammer auftrete und ſucht dies durch geſchichtliche Tatſachen zu belegen. Wenn er aber ſagt, daß nur in Girart de Rouss. Karl als„Martiaus“(Martel) erſcheine(in Gir. ſpielt ſogar Karl der Kahle hinein), ſo irrt er.
Der erſte Teil des Lothringerepos erzählt uns viel von dem„Martiaus“ und ſeinem ruhmvollen Ende im Kampfe gegen die„Wandres“.— Eine ſichere Trennung der beiden weſentlichen Karlgeſtalten des Epos iſt im übrigen nicht durchzuführen(ſ. G. Paris: Histoire poétique de Charlemagne 612).
²) Vgl. außer vielen anderen Stellen Rol. 1914: Remés i est sis uncles...... Ki tint Kartagene, Alferne, Garmalie E Ethiope, une tere maldite; La neire gent en ad en sa baillie, Granz unt les nés e lées les orilles,.... S. auch Foulque 64: Bien en peust morir un Alemans. Gui de Nant. 65: Gentement le salue, il ne fu pas Bretons; Narb. p. 62 etc. etc.


