„Ganz ohne alle Frage arbeitet das Volk dem Dichter vor, es macht zahl⸗ loſe Betrachtungen und legt ſie in Sprichwörtern und prägnanten Redensarten nieder. Das ſind unſchätzbare Materialien, und darum ſoll man ihm, um Luthers derbes Wort zu brauchen, unverwandt aufs Maul ſehen. Aber die Schöpfung ſelbſt ſetzt eine individuelle Zeugung voraus; das Volk als ſolches dichtet ſo wenig, als es malt, baut, Statuen meißelt und muſiziert.“
Hebbel.
Uber die Entſtehung des altfranzöſiſchen Epos ſind eine ganze Reihe von Theorien aufgeſtellt worden(vgl. die Überſicht bei Voretzſch, S. 130 ff.).„Die für uns im Dunkel liegenden Anfänge der epiſchen Dichtung laſſen ſich wenigſtens teilweiſe etwas aufhellen durch die Verwertung der vorliegenden Zeugniſſe, Reſte und älteſten Denkmäler dieſer Dichtgattung.“ (Voretzſch 130.) Dazu müſſen aber kommen ein Blick auf den Befund der rechtlichen und ſozialen Zuſtände im Epos, um ſein eigentümliches Weſen zu erfaſſen, und die Frage nach der ſittlichen Idee, der eine ſo maſſig ausgebaute Epik entwachſen konnte, um ihre erſten Wurzeln zu erkennen. Dieſem Verſuch dient die vorliegende Abhandlung.
G. Paris hält die Taufe Chlodovechs(496) für die Geburtsſtunde des Epos auf galliſchem Boden, während d'Héricault es erſt mit der Schlacht von Saucourt(881) entſtehen läßt. Andere haben wieder behauptet, daß die Franken mit epiſchen Schlachtengeſängen den Rhein überſchritten, und daß die beſiegten Galloromanen ihre Lieder und Epen in direkter Anlehnung an ſränkiſche Vorbilder verfaßten.
Gegen die Theorie von G. Paris und die behauptete Exiſtenz eines Merowinger⸗ epos(ogl. Kurth: Histoire poétique des Mérovingiens, Paris 1893) läßt ſich manches einwenden. Zunächſt wird der Eindruck der Taufe Chlodovechs entſchieden überſchätzt. Jedenfalls wiſſen wir, daß große Teile der Franken heidniſch bleiben wollten(Junghans 58) und ihres Königs Ubertritt nur grollend geſchehen ließen. Auf der andern Seite aber ſtanden die unterworfenen Galloromanen. Sollten die ihren Beſieger verherrlichen? Das einzige, was innerliche Möglichkeit hat, wäre ein lateiniſches Gedicht der romaniſch ſprechenden katholiſchen Geiſtlichkeit, der ja die hiſtoriſch notwendige Taufe des Frankenfürſten zum Siege über den Arianismus verhalf.
So ſicher es iſt, daß Merowinger wie Chlotar ll. ¹), Dagobert u. a. in einzelnen Gedichten gefeiert wurden, ſo unwahrſcheinlich erſcheint das Beſtehen eines Epenzyklus in der Merowingerzeit. Lot trifft in dieſer Frage den Kern der Sache. Er ſchreibt in. ſeiner Be⸗ ſprechung des Kurth'ſchen Buches,„das alles bejaht, was keiner wiſſen kann“,(Moyen dâge, 1893, p. 140):„Une épopée franque aurait dissimulé les perfidies et les crimes de son héros, on aurait cherché à les justifier.— Les objections de M. K.lurthl(P. 373) sont inadmissibles: car l'épopée est morale, mèême chez les peuples immoraux et corrompus comme le peuple franc.“
¹) Daß das ſog. Farolied:„De Chlotario est canere“ ein Epos ſei, beſtreitet Lot im Moyen àge, 1893, S. 141 im Hinblick auf die Worte„feminaeque choros inde plaudendo componebant.“


