Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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Entgegnung iſt geradezu charakteriſtiſch dafür, wie ſich die Tradition gegenüber jeder Neuerung ſogleich in Poſitur ſetzt(vgl. Abſatz 2 auf S. 145), umdie alten und immer bewährten Unter⸗ richtsgrundſätze zu retten. Ich muß annehmen, daß dem Verfaſſer das Buch von Mie: Lehrbuch der Elektrizität und des Magnetismus ¹) nicht gegenwärtig war, ſonſt wäre er nicht zu der Anſicht gekommen, daß durch Herrn Orlichs Vorſchlägeein wertvolles Stück entwickelnden Unterrichts preisgegeben würde.

Das ſoeben genannte Buch von Mie bedeutet einen Markſtein für die Experimentalphyſik. Während bis dahin die Maxwell⸗Faradayſche elektromagnetiſche Lehre als ein Teil der theoretiſchen Phyſik nicht über den engen Kreis der Fachleute hinausgedrungen war, die experimentellen Lehrbücher noch auf dem Standpunkt der Fernwirkung ſtanden, ſtellt ſich Mie die Aufgabe, die Maxwellſche elek⸗ tromagnetiſche Denkweiſe induktiv aus dem experimentellen Tatſachenmaterial zu entwickeln ²). Mie benutzt dabei lediglich das internationale Maßſyſtem und äußert den Wunſch,die unbequemen, außer⸗ halb des Dezimalſyſtems ſtehenden Einheiten der alten Elektrizitätslehre aus wiſſenſchaftlichen Ar⸗ beiten verſchwinden zu ſehen. Als Grundeinheiten benutzt Mie: das Volt, definiert durch das Nor⸗ malelement, das Coulomb, definiert als die Aquivalentladung und die Sekunde. Damit werden die übrigen elektriſchen Maßeinheiten zu abgeleiteten. Daß das Produkt aus Volt und Coulomb die Di⸗ menſion einer Energie hat, ſtellt den Ubergang zu den mechaniſchen Maßeinheiten her. Bei Mie ſind Elektroſtatik und Elektrodynamik noch im weſentlichen getrennt. Das hat u. a. zur Folge, daß das Farad zunächſt als Grundeinheit eingeführt, dann aber aus dieſer Stellung vom Coulomb verdrängt wird.

Bedeutete ſo die Darſtellung von Mie durch den Verzicht auf jede hiſtcoriſche Einſtellung einen gewaltigen Fortſchritt, ſo gilt dies in noch weit ſtärkerem Maße für ein Buch, das im vergan⸗ genen Jahre bei Julius Springer in Berlin erſchienen iſt: R. W. Pohl, Einführung in die Elek⸗ trizitätslehre. Pohl macht ſich von vornherein ganz bewußt frei von allem Althergebrachten und ſtellt ſich auf den Boden einer Gegenwart, in derElektriſcher Strom undelektriſche Spannung der täglichen Umgangsſprache angehören. Schon auf den erſten Seiten werden die 3 Hauptkennzeichen des elektriſchen Stromes, die magnetiſchen, Wärme⸗ und chemiſchen Wirkungen und die auf ihnen be⸗ gründeten Meßinſtrumente behandelt. Dann ergeben ſich als Kennzeichen der Spannung einmal die Fähigkeit in Leitern einen Strom zu erzeugen, zum andern die Kräfte, die zwei Körper aufeinander ausüben, wenn zwiſchen ihnen eine Spannung herrſcht. Daran ſchließen ſich die ſtatiſchen Spannungs⸗ meſſer, das Ohmſche Geſetz und die ſtromverbrauchenden Voltmeter. Der Widerſtand wird definiert als Quotient aus Spannung und Stromſtärke. Damit ſind die Werkzeuge gewonnen, mit denen im folgenden die elektriſchen Erſcheinungen meſſend verfolgt werden können. Als Stromquelle dient die Städtiſche Zentrale, gelegentlich auch eine kleine Influenzmaſchine. Dem Schulphyſiker bieten die nun folgenden Abſchnitte: das elektriſche Feld, das magnetiſche Feld und die Verknüpfung elektriſcher und magnetiſcher Felder in der ganzen Art der Darſtellung eine Menge Bemerkenswertes, enthalten doch gerade dieſe Abſchnitte, die Syntheſe der Elektroſtatik und Elektrodynamik in logiſch ſo zwingender, anſchaulicher und überſichtlicher Form, wie ſie ſonſtwo kaum noch erreicht worden iſt. In bekannter Weiſe werden die elektriſchen Feldlinien mit Hilfe von Gipskriſtallen dargeſtellt. An den Enden der Feldlinien ſitztelektriſche Subſtanz verſchiedenen Vorzeichens Pohl führt die elektriſche Subſtanz zunächſt noch dualiſtiſch ein. Als Subſtanz läßt ſich die Elektrizitätumfüllen. Infolge der Leitung erfolgtFeldzerfall und bei dieſem Feldzerfall treten alle vorher behandelten Erſcheinungen auf, die mit dem elektriſchen Strom verknüpft ſind. Ganz beſonders intereſſant iſt nun, wie Pohl die elektriſche Subſtanz(d. h. alſo die Elektrizitätsmenge) mittels des balliſtiſchen

¹) Stuttgart 1910, Verlag von Ferdinand Enke. ¹) vgl. Vorwort.