Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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Zur erſten Forderung noch einige Bemerkungen: Der Schüler iſt von vornherein bereit, als Träger der elektriſchen Erſcheinungen ſich einen Stoff vorzuſtellen, wie er ſich von der ſtofflichen Eigenart der Luft überzeugt hat. Unter einer Menge ſtellt er ſich durchaus etwas Stoffliches dar, einen Strom kann er ſich zunächſt nur denken, wenn ein Stoff da iſt, der ſtrömt. In der Wärme⸗ lehre muß die ſtoffliche Auffaſſung wieder vernichtet werden, ich halte es daher mit Hahn für durch⸗ aus falſch, den Begriff Wärmeſtoff einzuführen, obwohl dieſer Vorſchlag ſchon von maßgebender Seite gemacht worden iſt ¹). In der Elektrizitätslehre liegt kein Grund vor, jene Vorſtellung beiſeite zu ſchieben und im elektriſchen Strom zunächſt nur denAusgleich einer Zuſtandsverſchiedenheit zu ſehen. Vielmehr iſt es gerade Aufgabe des Unterrichts, die Auffaſſung der Elektrizität als Stoff zu ſtärken und zu verfeinern. Der unitariſchen Darſtellung ſteht als Denkſchwierigkeit allerdings die Tatſache gegenüber, daß Lichtenberg damals leider gerade die Glaselektrizität als die poſitive be⸗ zeichnete; doch ſcheint mir dies kein ausſchlaggebender Grund dagegen zu ſein, da doch jedem der vielen Schüler, der ſich irgendwo einmal für den Rundfunk intereſſiert hat, die Wanderung der Elektronen von der Glühkathode zur Anode etwas ganz Geläufiges iſt.

Zu 2: Die Reibungseelektrizität, die nach Pohl mit der Reibung nichts zu tun hat ²), läfit ſich vermeiden, wenn man die nötigen Elektrizitätsmengen der Leitung der elektriſchen Zentrale ent⸗ nimmt.(Wo kein Gleichſtrom vorhanden iſt, kann man ſich mit den heute überall erhältlichen Anoden⸗ batterien helfen.) Poske hat dagegen das Bedenken, daß der Schüler über die Herkunft der Elek⸗ trizität dabei im Dunkeln gehalten werde. Aber behandelt man denn in der Hvydroſtatik zunächſt die Frage nach der Herkunft des Waſſers der Waſſerleitung! Iſt denn die Analogie, mit dem von einer Pumpe hochgehobenen und unter Druck ausſtrömenden Waſſer nicht viel wertvoller für die Elek⸗ trizitätslehre als die falſche Vorſtellung, daß durch Reiben Elektrizitäterzeugt werde!

Wenn man dem Einwand gegen meine vierte Forderung, man müſſe jene Inſtrumente theoretiſch zunächſt bis ins Einzelne behandeln, Raum geben wollte, dann dürfte man in der Mechanik auch keine Uhr benutzen, bevor man nicht das Pendel und die elaſtiſchen Schwingungen eingehend be⸗ handelt handelt hat, und müßte, wie Galilei, Zeiten etwa mit Hilfe der Pulsſchläge meſſen. Das wäre zwar vom hiſtoriſchen Standpunkt berechtigt, ich glaube aber nicht, daß heute ein Lehrer daran denkt, ſeinen Unterricht auf einen ſolch primitiven Standpunkt einem überſpannten, logiſchen oder hiſtoriſchen Prinzip zuliebe herabzuſchrauben.

So radikal meine Forderungen manchem auch erſcheinen werden, ſie ſind keineswegs neu. Eine Zuſammenſtellung der Vorſchläge, die in dieſer Richtung ſchon gemacht worden ſind, findet ſich bei Poske in ſeiner Didaktik des Phyſikaliſchen Unterrichts(Teubner 1915) auf S. 348/49. Poske kommt dabei ſelbſt zu dem Ergebnis:Eine möglichſt einfache Einführung in die Lehre von den Maßeinheiten würde ja ohne Zweifel willkommen zu heißen ſein, wenn ſie nicht etwa mit ander⸗ weitigen Nachteilen erkauft wird. Ganz im Sinne meiner Forderungen bewegt ſich ein Aufſatz von E. Orlich:Die drei Grundverſuche der Elektrizitätslehre ³). Orlich ſtellt den Grundſatz auf aus der Fülle der Tatſachen diejenigen herauszugreifen, die in möglichſt charakteriſtiſcher Weiſe die modernen Anſchauungen über die Elektrizitätslehre wiedergeben, und dieſe möglichſt durch Vorgänge zu erläutern, die eine praktiſche Anwendung, die Allgemeinintereſſe beſitzt, erfahren.

Ich kann es mir nicht verſagen an dieſer Stelle auch einige Bemerkungen zu einer Erwide⸗ rung auf jenen Aufſatz von E. Orlich zu machen, die die Überſchrift trägt: Zum Unterricht in der Elektrizitätslehre von Hofrat Dr. Karl Roſenberg, tit. ord. Univerſitätsprofeſſor in Graz). Dieſe

¹) Poske: Didaktik S. 281.

²) vgl. Pohl: Einführung in die Elektrizitätslehre S. 48.

³) Zeitſchrift für phyſikaliſchen und chemiſchen Unterricht XXXVI 1923, Heft 2 S. 73.

*) vgl. Zeitſchrift für phyſikaliſchen und chemiſchen Unterricht XXXVI Ihrg. 1923, Heft 3.