24 folgende galvaniſche Elektrizität nur mit einem ganz dünnen Faden an das Vorhergehende ange⸗ knüpft, dem bekannten Verſuch mit dem Kondenſatorelektroſkop; dann folgen die Verſuche mit großen Elektrizitätsmengen geringer Spannung, die ſo ganz anders ausſehen als jene elektroſtatiſchen, Holz i*ſt jetzt zum Nichtleiter geworden, und ſo kommt es, daß man immer wieder infolge dieſer Zweitei⸗ lung die Anſicht findet, es handle ſich dabei im Grunde um zwei wirklich verſchiedene Dinge. Wie ſchwer ſich der Unterricht von dem durch die Überlieferung einmal Geheiligten losmacht, beſtätigt u. a. auch die Tatſache, daß in der Elektrizitätslehre neben unſerm modernen internationalen Maßſyſtem noch zwei ältere mitgeſchleppt werden, die zwar für die Geſchichte der Meſſungen von größter Bedeutung ſind, nach denen aber in der Praxis kein Menſch mehr mißt, da es kein Meß⸗ inſtrument gibt, das nach ihnen geeicht wäre. Sie ſind in einer Zeit entſtanden, wo die meſſende Mechanik weiter entwickelt war als die übrige meſſende Phyſik. Die auf Grund des Coulombſchen Geſetzes definierte Einheit der Elektrizitätsmenge iſt aber für den Schüler ſo unanſchaulich, ja der experimentelle Nachweis jenes Geſetzes ſelbſt iſt ſo ſchwierig, daß kein Schüler einſieht, was eine Maßeinheit bedeuten ſoll, mit der man nur rechnet, aber nicht mißt. Vollends bei der Definition des Potentials mit Hilfe einer Arbeit kommt kein Schülerverſtand mit. Weil man das Potential mit Hilfe einer Arbeit berechnen kann, darum i ſt das Potential noch lange keine Arbeit oder„Arbeits⸗ größe“. Damit, daß ich nach der Beſteigung eines Berges aus meiner Ermüdung auf die geleiſtete Arbeit und daraus auf die Höhe des Berges ſchließen kann, oder phyſikaliſch ausgedrückt: damit, daß die Anzahl der Meterkilogramme, die nötig ſind um ein Kilogrammgewicht vom Fuße des Berges auf ſeinen Gipfel zu befördern, gleich iſt der Anzahl der Meter in ſenkrechter Richtung vom Fuſie bis zum Gipfel, wird doch die Höhe des Berges nicht zu einer„Arbeitsgröße“. Wie das Potential nachher auf einmal zur elektromotoriſchen Kraft und zur Spannung wird, das kann der Schüler zwar lernen, ob er aber den ganzen Gedankengang überſieht und ob es ihm ſchließlich nicht wie ein Taſchenſpielerkunſtſtück vorkommt, das ſcheint mir doch eine andere Frage. Mag das elektromagnetiſche Maßſyſtem immerhin noch leichter reproduzierbar ſein, als jenes elektroſtatiſche, nachdem man ſich 1881 international auf das praktiſche Maßſyſtem geeinigt hat, bedeuten jene alten Maßſyſteme für die Schule nur einen großen Ballaſt und gehören, ohne dem Verdienſt von Gauß und Weber zu nahe zu treten, zum alten Eiſen wie Reaumur, Fahrenheit, Elle, Fuß und Zoll. Im Anhang eine kurze geſchichtliche Bemerkung über jene Maßſyſteme, eine Tabelle zur Umrechnung, das iſt alles, weſſen ein Lehrbuch noch bedarf. Das internationale Maßſyſtem iſt weder elektroſtatiſch noch elektromagne⸗ tiſch, denn es beruht überhaupt nicht auf der Meſſung mechaniſcher Kräfte, dafür ſind ſeine Einheiten ſtets reproduzierbar und die nach ihnen geeichten handelsüblichen Meßinſtrumente laſſen ſich mit Nor⸗ malelement, Silbercoulombmeter(= Voltameter) und Normaluhr jederzeit nachprüfen. Damit komme ich zu folgenden Forderungen für den Unterricht in der Elektrizitätslehre: 1. Die Elektrizität iſt von vornherein als Stoff aufzufaſſen, ich laſſe es unentſchieden, ob man dua⸗ liſtiſch beginnen und ſpäter erſt zur unitariſchen Auffaſſung übergehen, oder gleich dogmatiſch die im Leiter vom Zink zum Kupfer fließende negative Elektrizität als die wahre einführen ſoll, ob⸗ wohl ich der Anſicht bin, daß dieſe letzte Methode ſich früher oder ſpäter einmal durchſetzen wird, wie in der Wärmelehre der Begriff„Kälte“ längſt verſchwunden iſt.
2. Eine Trennung in ſtatiſche und galvaniſche Elektrizität gibt es nicht. Feldzerfall, Elektronenbe⸗
wegung und magnetiſches Feld gehören zuſammen. Die„Reibungselektrizität“ ſchrumpft in einen
ganz kleinen Abſchnitt zuſammen mit der Überſchrift: Berührungselektrizität.
Als Maßſyſtem wird nur das internationale benutzt.
4. Der Unterricht macht ſich möglichſt bald nach einer kurzen Erläuterung ihrer Wirkungsweiſe, die modernen Meßinſtrumente, Elektrometer und Galvanometer zu nutze und verknüpft alle Verſuche mit ſorgfältigen Meſſungen.
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