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ſchung bleiben, und während draußen unſere Eiſenbahnen, ja unſere geſamte Energiewirtſchaft immer mehr elektrifiziert werden, ſchickt ſich die Wiſſenſchaft an, alle mechaniſchen Vorgänge auf Grund elek⸗ triſcher Theorien zu erklären.— Demgegenüber ſind unſere Lehrbücher in dem Abſchnitt über Elek⸗ trizität faſt durchweg noch rein hiſtoriſch eingeſtellt, während die hiſtoriſche Behandlung in den übrigen Zweigen der Phyſik faſt durchweg verlaſſen iſt. Das hat ſicher ſeinen Grund. Die Zeiten, in denen ſich der Menſch mechaniſche, akuſtiſche, optiſche und Wärmevorgänge zum erſtenmal bewußt zu nutze machte— ich denke an Hieb⸗ und Wurfwaffen, Muſikinſtrumente, das Feuer u. dgl.— liegen weit zurück, dagegen fällt die Erkenntnis elektriſcher Vorgänge faſt durchweg in die Zeit nach der Er⸗ findung der Buchdruckerkunſt, beginnt die Entwicklung der Elektrotechnik in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während andere phyſikaliſche Vorgänge ſich in der Natur ganz von ſelbſt dar⸗ bieten und ſchon früh zum Beobachten und Nachdenken Anlaß gaben, mußten auf elektriſchem Gebiet die ganzen Apparate erſt geſchaffen werden, um überhaupt Beobachtungen machen zu können, das konnte aber erſt geſchehen, nachdem die ariſtoteliſche Scholaſtik reſtlos überwunden war. So iſt denn heute die ganze Geſchichte der Elektrizität für uns ein offenes Buch, und es liegt nur zu nahe, die Elektrizitätslehre an der Hand dieſes Buches zu behandeln.
Solange der Blitzableiter die einzige Errungenſchaft der Elektrotechnik war, als noch bei Gewittergefahr der Herr Konrektor Apinus„mit ſinen Pick⸗ und Horzkaſten unner den Arm und den Voßſwanz in de Hand“ zu Dörchläuchting aufs Schloß kommen mußte, und lange Zeit ſpäter bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, beſchränkte ſich alles, was die breite Offent⸗ lichkeit von der Elektrizität erfuhr, auf einzelne Erſcheinungen der ſogenannten„Reibungselektrizität“, und was als„ergötzliches Kurioſum“ gar in den Schulunterricht übernommen wurde, artete meiſt in Spielerei aus. Jene verſchnörkelten Geißlerſchen Röhren, die man auch heute noch in den Kata⸗ logen findet,— ein Zeichen, daß ſie immer noch gekauft werden,— ſind Reſte jenes ſpieleriſchen Un⸗ terrichtsbetriebs. Ich gebe zu, die Jugend nimmt derartige leichte Koſt auch heute noch gern auf, im Grunde genommen iſt aber die Einſtellung unſerer Schüler zu elektriſchen Fragen heute ganz anders als vor 50 Jahren. Der Vergleich mit dem leeren Gefäß läßt ſich heute nicht mehr halten. Der Schüler bringt heute eine ganze Menge von Begriffen und Vorſtellungen mit. Das Beobachtungs⸗ material für elektriſche Erſcheinungen iſt heute ſo rieſig und dringt mit ſolcher Wucht auf den jugend⸗ lichen Verſtand ein, daß eine geradezu unglaubliche geiſtige Gleichgültigkeit dazu gehört, bei dieſer Fülle von Erſcheinungen nicht nach Klärung und Ordnung zu ſuchen. Mit elektriſchen Apparaten hat jeder Junge ſchon zu tun gehabt, und wäre es auch nur eine Taſchenlampe geweſen; er weiß, daß man von der Steckdoſe an der Wand geradeſogut ſeine Finger weglaſſen muß, wie vom heißen Ofen, „weil Spannung drin iſt“. Er weiß auch, daß ein„elektriſcher Strom“ fließt, wenn man an dieſelbe Steckdoſe eine Lampe anſchließt. Strom und Spannung ſind Begriffe des täglichen Lebens geworden, mit Kilowattſtunden muß heute jeder Hausvater rechnen. Ja im Zeitalter des Rundfunks kann man Worte wie Kapazität und Selbſtinduktion aus dem Munde von Tertianern hören. So iſt heute das Gefäß, wenn es in die Hände des Phyſikers kommt, voll bis oben hin, und es erſcheint voll⸗ kommen unmöglich, nun allen Inhalt fortzuſchütten und ſchön hiſtoriſch und logiſch einen neuen In⸗ halt einzufüllen. Vorhandene Begriffe läutern, Vorſtellungen ordnen und vertiefen, allgemeine Ge⸗ ſichtspunkte erarbeiten, das iſt alles, was wir tun können.
Methodiſch gefährlich und nur aus der hiſtoriſchen Entwicklung zu erklären iſt ſchon die Zwei⸗ teilung der Elektrizitätslehre in„Elektroſtatik“ und„elektriſche Ströme“. Die Erſcheinungen in beiden Gebieten ſind bei der landläufigen Form der Darſtellung ſo ſehr verſchieden, daß der Schüler nur zu leicht zu der ganz falſchen Meinung kommt, der Grund zu dieſen Erſcheinungen ſei auch etwas Verſchiedenes. Denn nachdem er wochenlang Verſuche mit„Reibungselektrizität“ d. h. mit kleinen Elektrizitätsmengen von großer Spannung, für die z. B. Holz ein Leiter iſt, geſehen hat, wird die


