Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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als dem elektriſchen Adam begann, am Anfang wochenlang unter dem Zeichen des geriebenen Hart⸗ gummiſtabes und des Katzenfells ſtand, der Wirkungsweiſe des Elektrophors wertvolle Stunden opferte, eine Fülle von Einzeltatſachen aneinander reihte, dabei aber der eigentlichen Frage nach dem Weſen der Elektrizität ängſtlich aus dem Wege ging, eben weil man ſich über die eigentlichen Träger der elektriſchen Erſcheinungen im Unklaren war. In der Wiſſenſchaft wandte man unter dem Ein⸗ fluß von Maxwell und Faraday ſein Augenmerk vor allem auf die Kräfte im Dielektrikum, und wagte keine Ausſage zu machen über den eigentlichen Träger der elektriſchen Erſcheinungen und ſeine Struktur. Man hatte zwar aus der alten Fluidaltheorie die Terminologie übernommen, ſprach von Elektrizitätsmenge u. dgl.; es war immer einals ob dabei, von einer elektriſchen Subſtanz wagte man nicht zu reden, da alle Verſuche, bei der Elektrizität eine träge Maſſe feſtzuſtellen, fehlgeſchlagen waren.

Dabei iſt die Auffaſſung der Elektrizität als eines Stoffes viel älter, als im allgemeinen bekannt iſt. Nachdem Du Fay 1734 die Unterſcheidung zwiſchen Harz⸗ und Glaselektrizität eingeführt hatte, die Bezeichnung poſitive und negative Elektrizität ſtammt von Lichtenberg ¹), ſtellte ihr Franklin eine unitariſche Elektrizitätstheorie gegenüber, die von ſeinem Überſetzer Wilke 1758 etwa ſo formuliert wird:Durch die ganze körperliche Natur iſt eine feine Materie verbreitet, deren Teile ſich abſtoßen, aber die Teile der Materie anziehen; hat ein Körper ſoviel von dieſer Elektrizität angezogen, als er in ſich, ohne Anhäufung auf ſeiner Oberfläche, enthalten kann, ſo iſt er neutral, hat er mehr, ſo iſt er plus, weniger, ſo minus elektriſch. Das iſt vorbehaltlich einiger Anderungen und Erweiterungen unſere heutige Auffaſſung: Zunächſt iſt es ein offen⸗ bares wiſſenſchaftliches Mißgeſchick geweſen, daß Lichtenberg zufällig die Glaselektrizität als die po⸗ ſitive bezeichnete. Jene feine Franklinſche Materie iſt für uns heute die negative Elektrizität, dieſe hat atomiſtiſche Struktur, das kleinſte elektriſche Teilchen iſt das Elektron, ſeine Maſſe iſt etwa der 1800te Teil der Maſſe des Waſſerſtoffsatoms. Jedes materielle Molekül beſteht aus einem poſi⸗ tiven Kern, dieſer zieht ſoviel negative Elektrone an ſich, bis Gleichgewicht herrſcht, d. h. bis nach außen keine elektriſchen Kräfte mehr wirken. Ein ſolches Molekül erſcheint elektriſch neutral; wer⸗ den ihm mehr Elektrone angegliedert, ſo erſcheint es negativ, werden ihm Elektrone entzogen, ſo erſcheint es poſitiv geladen oder ionifiert, das gilt wie für jedes Molekül auch für jeden Molekular⸗ verband, jeden Körper. Dieſe heutige Anſicht geht zurück auf die grundlegende Arbeit von H. A. Lorentz vom Jahre 1895. Zu dieſer Elektronentheorie gehört heute als unentbehrlicher Beſtandteil der Elektrizitätslehre die ältere von Faraday begründete und von Mayxwell genial weiterentwickelte Theorie des magnetiſchen und elektriſchen Feldes, und ich möchte darum als Lehrziel die Vermittlung folgender Auffaſſung vorſchlagen:Wie es ein Meer aus Waſſer und ein Meer aus Luft gibt, ſo gibt es auch ein Elektronenmeer, das alle Materie durchdringt. Wird in dieſem der im allgemeinen herrſchende Gleichgewichtszuſtand geſtört, dann treten Kräfte auf, die ihn wiederherzuſtellen ver⸗ ſuchen. Der Raum, in dem ſolche Kräfte wirken, hat beſondere experimentell nachweisbare Eigen⸗ ſchaften und heißt elektriſches Feld. Die phyſikaliſchen Erſcheinungen, die durch jene Kräfte hervor⸗ gerufen werden, bilden den Inhalt der Elektrizitätslehre. Insbeſondere beruht die Erſcheinung des elektriſchen Stromes darauf, daß Elektronen durch Kräfte bewegt werden.

Das Jahr 1895, in dem Lorentz ſeinenVerſuch der elektriſchen und optiſchen Erſchei⸗ nungen in bewegten Körpern veröffentlichte, brachte mit der Entdeckung Röntgens die Grundlage der modernen Strahlungstheorie, und dieſe eröffnete eine Reihe ungeahnter wiſſenſchaftlicher Erfolge, die jene Lorentzſche Theorie in vollem Maße beſtätigten. Die Elektronentheorie erſcheint uns heute feſt begründet, ſie wird aller Vorausſicht nach für die kommende Zeit die Grundlage der For⸗

¹) geb. 1742 in Ober⸗Ramſtadt bei Darmſtadt.