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Gegenüber dieſen beiden geſchilderten methodiſchen Richtungen hat ſich heute als dritte die experimentelle mehr und mehr durchgeſetzt. Das A und das O dieſer Methode bleibt die Beobachtung am Vorgang ſelbſt, mag ſie ausgehen von den Geſchehniſſen in der Natur und der Technik, mag ſie ſich gründen auf den vom Lehrer oder vom Schüler angeſtellten Verſuch. Der Erfolg dieſer Methode liegt in erſter Linie in der geiſtigen Einſtellung des Jugendlichen. Unſere Schüler ſind in dem Alter, in dem ſie heute die höhere Schule beſuchen, faſt durchweg Poſitiviſten vom reinſten Waſſer. Der ſich vor ihren Augen abſpielende Vorgang, die Beobachtung am Objekt, iſt ihnen hundertmal beweis⸗ kräftiger als die ſchönſte mathematiſche Schlußreihe, und es gehört wirklich nicht allzuviel Lehrkunſt und Geſchick dazu, das Intereſſe des Schülers für phyſikaliſche Dinge zu erwecken und wachzuhalten. Die zeitliche und räumliche Ferne der Dinge, die ſonſt im Unterricht behandelt werden, weicht hier einer Nähe auf wenige Meter, ja die Erſcheinungen rücken im Schülerverſuch bis zur Greifbarkeit heran. Unter den hervorragenden Schulphyſikern, die uns in dieſer Richtung den Weg gewieſen haben, möchte ich nur Grimſehl erwähnen. Es bietet einen eigenartigen Reiz, bei Grimſehl zu ver⸗ folgen, wie er gegen das abſtrakte Gedankenexperiment kämpft, wie er z. B. gerade auf dem Gebiet der Mechanik neben die rein mathematiſche Spekulation als ebenſo beweiskräftig den Verſuch mit „Hebeln und mit Schrauben“ ſetzt. Allerdings um die Phyſik experimentell durchführen zu können, dazu gehört eine ausreichende Apparateſammlung, dazu gehören Geldmittel, um dieſe Sammlung mit den Forderungen der Zeit Schritt halten zu laſſen. Es iſt kein Zufall, daß ſich die experimentelle Richtung in der Phyſik gerade in der Zeit vor 1914 ſo entfaltet hat. Und auch heute beſteht die beſte Hilfe des Staates und der Gemeinden nicht in Verordnungen, Lehrplänen und Ratſchlägen, ſondern in der Bereitſtellung der nötigen Einrichtungen. Der beſte Lehrer iſt lahmgelegt, wenn ihm nicht die nötige Zeit, der nötige Raum und das nötige neuzeitliche Material für den experimentellen Lehrbetrieb zur Verfügung ſteht.—
Die letzte Schulreform iſt dem phyſikaliſchen Unterricht nicht günſtig geweſen, ſie hat be⸗ ſonders dem Realgymnaſium eine Einſchränkung des phyſikaliſchen Unterrichts gebracht, und es bedarf der größten Aufmerkſamkeit der Phyſiker, ſoll nicht unſere Jugend in ihrer Lebenstüchtigkeit einen Schaden erleiden, der ſich durch ein Mehr in andern Fächern kaum ausgleichen läßt. Von einem Überblick über das Geſamtgebiet der Phyſik kann nicht mehr die Rede ſein. Ich will nicht behaupten, daß dieſer Verzicht auf Enzyklopädismus nun unbedingt ein Schaden wäre; aber während der Lehrer bei der ſeitherigen Stundenzahl mehr in die Tiefe, nicht nur in die Breite gehen konnte, müſſen wir heute den Stoff mehr und mehr beſchneiden, allen unnötigen Ballaſt über Bord werfen, alle Seiten⸗ wege vermeiden, die nicht geradewegs aufs Ziel zuführen, mögen ſie noch ſo intereſſant ſein.
Unter dieſen Geſichtspunkten möchte ich im Folgenden den Unterricht auf dem phyſikaliſchen Gebiet einer kritiſchen Betrachtung unterziehen, das entſprechend ſeiner Wichtigkeit den größten Raum auf der Oberſtufe einnimmt— das ganze Jahr Oberprima ſteht ihm zur Verfügung— den Unter⸗ richt in der Elektrizitätslehre.
Vor etwa dreißig, vierzig Jahren ſtand der Lehrer, der eben mit der Einführung in die Elektrizitätslehre begann, vor gänzlich anderer Lage der Dinge wie wir heute. Der Schüler brachte von draußen an Begriffen faſt nichts mit, keine richtigen, aber auch keine falſchen. Die einzige elektriſche Naturerſcheinung, die er kannte, war der Blitz, und wenn er ſonſt wirklich einmal etwas von der Elektrizität geſehen hatte, ſo war es die Wirkung eines geriebenen Stückchens Bernſtein oder Siegellack. Der Schüler glich auf dieſem Gebiet einem leeren Gefäß, in das man Begriff auf Begriff einfüllen konnte. Man konnte ſtreng ſyſtematiſch Verſuch an Verſuch reihen, vom Einfachen zum Schwierigen übergehen, und auf experimentellem Wege ein Lehrgebäude errichten ſo ſtreng wie in der Mechanik. Man brauchte ſich ja nur an die hiſtoriſche Entwicklung zu halten, und ſo entſtand eine Anordnung des Lehrſtoffs, der nach Erledigung des Magnetismus mit dem geriebenen Bernſtein


