Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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heit hat, Phyſikunterricht, insbeſondere Phyſikunterricht auf der Oberſtufe zu erteilen, und es iſt nicht leicht, ſich bis dahin den auf der Hochſchule erworbenen Blick für das tatſächlich Wichtige und Wert⸗ volle und die kritiſche Stellung gegenüber allem Althergebrachten zu bewahren. Die Schule ſchleppt vieles mit, was längſt hiſtoriſch geworden iſt. Die Träger der Tradition ſind weniger die Lehrer als die Lehrbücher; dieſe werden von Auflage zu Auflage immer wieder durch neue Kapitel ergänzt, und ſo kommt oft gerade das Allerwichtigſte in den Anhang, ſtatt daß es das ganze Buch oder wenigſtens einen ganzen Abſchnitt beherrſchte, und im großen Ganzen bleibt alles beim alten, und ſo ſtellen heute unſere meiſten phyſikaliſchen Schulbücher ein ſeltſames Gemiſch dreier verſchiedener methodiſcher Rich⸗ tungen dar, einer hiſtoriſchen, einer mathematiſch⸗logiſchen und einer experimentellen.

Die Hiſtoriker der Methodik möchten, ſo weit es irgendwie geht, den Schüler die Wege noch einmal wandern laſſen, auf denen die Menſchheit zu dem heutigen Stand der phyſikaliſchen Erkennt⸗ nis gekommen iſt. Das ſieht an und für ſich ſehr verheißungsvoll aus. Dennoch ſcheint mir dieſe Methode für die Schule vollkommen ungeeignet. Jene Wege haben zu häufig in die Irre geführt, und es iſt äußerſt gefährlich, den jugendlichen Geiſt ſolche Irrwege verfolgen zu laſſen, ſolange er nicht das Ziel kennt, ſolange er nicht im Beſitz eines klar erfaßten Begriffsſyſtems iſt, mittels deſſen er Falſches vom Richtigen unterſcheiden kann. Gerade in der Jugend ſetzen ſich falſche Begriffe nur zu leicht feſt und ſind ſpäter ſchwer zu überwinden. Vielmehr ſcheint mir das Gegebene zu ſein, den Schüler in einem kurzen Aufſtieg auf den Gipfel des Berges zu führen und ihm von oben den müh⸗ ſamen Weg zu zeigen, auf dem die erſte Beſteigung ſich dereinſt vollzogen hat. Solange z. B. der Schüler nicht die Newtonſche Farbenlehre zu ſeinem geiſtigen Eigentum gemacht hat, wird ihn die Goetheſche nur verwirren. So hat denn auch der Unterricht in der Mechanik alles Hiſtoriſche abgeſchüttelt, eben weil Jahrhunderte vergehen mußten, ehe im Energieprinzip ein Stand⸗ punkt gefunden war, von dem aus ſich die mechaniſchen Erſcheinungen zuſammenfaſſend betrachten ließen. Erſt nach der Entdeckung von Robert Mayer bildet ſich in der Mechanik eine Terminologie heraus, in der Begriffe wie Kraft, Arbeit u. dgl. wirklich ſo klar umriſſen ſind, daß Mißverſtändniſſe ausgeſchloſſen erſcheinen.

Die zweite, rein logiſche Richtung iſt aus dem allgemeinen Umſchwung des geiſtigen Lebens hervorgegangen, der ſich am Ende des 18. Jahrhunderts vollzogen hat. Es war ein Glück, daß damals jenes Beſtreben überwunden wurde, durch das ſpekulative Denken eine Syntheſe der Auße⸗ rungen des menſchlichen Geiſtes und der Naturerſcheinungen zu erreichen. Der Rückſchlag, der gegen das damals übliche windige Gerede und Philoſophieren über die Naturvorgänge einſetzte, war für den mathematiſchen Unterricht von Vorteil, nicht für den phyſikaliſchen. Der Spekulation ſtellte man nicht die experimentelle Forſchung, ſondern das mathematiſche Denken gegenüber, und ſo machte ſich in der Phyſik immer mehr die Mathematik breit, und das Experiment, wenn es überhaupt ge⸗ macht wurde, diente höchſtens dazu, das rein logiſch gefundene Ergebnis mit der Wirklichkeit in Ein⸗ klang zu bringen. So bildete ſich jene übel berüchtigte Kreidephyſik heraus, die ſich meiſt an Stelle des wirklich ausgeführten Verſuchs mit der Skizze an der Tafel begnügte, eine Methode, die heute noch überall dort ihr Weſen treibt, wo eben die Mittel für den Ausbau der Apparateſammlung fehlen. Zwar gilt dieſe Art Phyſik, deren Hauptapparate Kreide und Schwamm waren, heute als überwun⸗ den, aber ihre Spuren ſind noch häufig genug in den Lehrbüchern zu finden; in der Mechanik mag ein mit Mathematiſchem ſtark durchſetzter Lehrgang noch am eheſten möglich ſein, im übrigen werden weder Schüler noch Lehrer an einer derartigen Methode viel Freude haben. Zwar können wir in der Phyſik die Mathematik ebenſowenig entbehren, wie in den Sprachen die Grammatik, müſſen aber in der Anwendung der Mathematik zur Behandlung phyſikaliſcher Probleme weiſe Be⸗ ſchränkung fordern.