Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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Die ſogenannten kulturkundlichen Fächer können für ſich allein unſerer Jugend das geiſtige Rüſtzeug nicht geben, deſſen der einzelne bedarf, wenn ihm ſein Beruf größere Verantwortung für das Wohl der Geſamtheit auferlegt. Zu dem Verſtändnis für das hiſtoriſche Werden unſerer heutigen Kultur muß der klare Blick für die nicht immer angenehmen Wirklichkeiten und Kämpfe des Tages, für die nächſten und ſpäteren Aufgaben unſeres Volkes kommen, eines Volkes, das trotz ſeines ſchwe⸗ ren Schickſals auf dem Wege iſt, ſeinen Platz in der Welt wiederzuerobern. Eines der wichtigſten Mittel, wenn nicht das wichtigſte, um uns wieder Geltung in der Welt zu verſchaffen, bleibt neben unſerer deutſchen Wiſſenſchaft unſre Technik. Man mag darüber denken, wie man will, man mag nach den Erlebniſſen des Maſchinenkrieges ſich von manchen Errungenſchaften der Technik als den Auswüchſen einer entarteten Ziviliſation ſchaudernd abwenden, dennoch iſt der moderne Kulturſtaat ohne ſie einfach undenkbar, letzten Endes ſind doch Naturwiſſenſchaft und ihre Kinder Technik, Land⸗ wirtſchaft und Heilkunde die treueſten Diener der Allgemeinheit, die den Boden bereiten und Werte ſchaffen, damit eine wahre Kultur ihre Blüten entfalten kann. Ohne einen gewiſſen Wohlſtand iſt heute keine Kultur möglich. Solange dem Einzelnen nicht die ſchwerſten Sorgen um Nahrung, Klei⸗ dung und Wohnung abgenommen ſind, ſolange bleibt ihm der Genuß höherer Kulturgüter verſagt, der Hungernde kauft keine Bücher. Eine Kultur aber, die nur der Beſitz einer dünnen Oberſchicht wäre, während der größte Teil des Volkes von ihr ausgeſchloſſen bleibt, erſcheint uns heute weder wünſchenswert noch für eine künftige Entwicklung denkbar. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß die antiken Kulturen mit auf dem Sklaventum beruhten und daß ihr Perſönlichkeitsideal damit erkauft war, daß man einem großen Teil ſeiner Mitmenſchen jedes Recht auf Perſönlichkeit nahm und ihn zur Sache herabwürdigte. Daß unſer heutiges Staatsweſen dieſen Zuſtand überwinden konnte, daß es mit dem Zugeſtändnis gleicher Rechte die Forderung der freiwillig übernommenen Pflicht gegen die Geſamtheit verbinden und auf einen Stand verzichten konnte, für den es nur blinden Gehorſam, aber keine Rechte gab, verdanken wir ſchließlich doch der Tatſache, daß an Stelle des Sklaven die willen⸗ und gefühlloſe Maſchine trat. Schon aus dieſem Grunde iſt die Technik beſtimmender Faktor unſrer heutigen Kultur geworden. Kultur und Technik laſſen ſich nicht trennen. Wenn wir unſere Kenntnis der älteſten Kulturen lediglich techniſchen Überreſten verdanken, wenn wir das Verſtändnis früherer Kulturen, die uns ſchriftliche Zeugen hinterlaſſen haben, mit heißem Bemühen zu ergänzen ſuchen, indem wir ihrem techniſchen Nachlaß nachgraben, ſo bleibt auch heute eine Hauptaufgabe des Unter⸗ richts, dem jungen Menſchen die Augen öffnen, für die wiſſenſchaftlichen Grundlagen unſrer Technik, ihn zu erfüllen mit Ehrfurcht vor den gewaltigen Leiſtungen des menſchlichen Geiſtes, mag er ſelbſt auch berufen ſein, einer unter vielen zu bleiben oder Spuren zu hinterlaſſen, die nicht in Aonen unter⸗ gehen. Wir müſſen ihn hineinſtellen mitten in das gewaltige Werden, ihm den Blick nach vorwärts richten, ihm Geſichtspunkte vermitteln, unter denen die tauſenderlei Einzelerſcheinungen ſich zum Gan⸗ zen fügen, und wenn die Schule auch nicht an der Spitze des Fortſchritts marſchiert, in der Nachhut iſt kein Platz für ſie. Dieſe Forderung iſt bei dem raſchen Tempo, das heute die naturwiſſenſchaftliche Forſchung hat, ſchon an und für ſich ſchwer zu erfüllen; die eigenartigen Verhältniſſe, wie ſie heute einmal in der höheren Schule vorhanden ſind, machen ihre Erfüllung noch viel ſchwerer. Verſuchen wir einmal die Dinge ſo zu ſehen, wie ſie ſind: der junge Lehrer, der ſich auf der Univerſität mit tiefliegenden phyſikaliſchen Problemen beſchäftigt hat, der vom Kolloquium her gewohnt iſt, über die neueſten Ergebniſſe ihm gleichſtehenden oder ihn überragenden Zuhörern vorzutragen, ſieht ſich beim Übertritt in das Schulleben zu einer vollſtändigen Umſtellung gezwungen. Phyſikaliſche Binſenweis⸗ heiten ſo zuzubereiten, daß ſie der Verſtand des Tertianers und Sekundaners aufnehmen kann, das iſt jetzt ſeine Aufgabe. Setzen wir den günſtigſten Fall, daß der Referendar nicht nur mit einer vor⸗ trefflichen Unterrichtsmethode, ſondern auch mit einer wirklich fortſchrittlichen Stoffauswahl und⸗An⸗ ordnung bekannt gemacht wurde, ſo vergehen doch meiſt Jahre und Jahre, bis er als Lehrer Gelegen⸗