Aufsatz 
Aufgabe, Stoff und Methode des Unterrichts in der Elektrizitätslehre / Georg Heußel
Entstehung
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Aufgabe, Stoff und Methode des Anterrichts in der Elektrizitätslehre.

Von Studienrat Dr. Gg. Heußel.

Als lebendiger Organismus unterliegt die Schule den biologiſchen Geſetzen der Anpaſſung: Reize, mögen ſie ausgehen von politiſchen und geſellſchaftlichen Umwälzungen oder von bahnbrechen⸗ den wiſſenſchaftlichen Erkenntniſſen, können nicht ohne Einfluß auf die Schule bleiben, wenn ſie nur mit einer gewiſſen Beharrlichkeit und in ſteter Wiederholung auf ſie einwirken. Zum Glück gibt es aber auch für die Schule ein Geſetz der Trägheit; dabei iſt Trägheit in rein phyſikaliſchem Sinne gemeint, und dieſes Geſetz äußert ſich eben darin, daß die einwirkenden Kräfte und die Zeit ihrer Wirkung doch ein beſtimmtes Maß überſchreiten müſſen, ehe ſich die Schule aus ihrer einmal vor⸗ handenen Richtung merklich ablenken läßt. Das iſt in ihrem ganzen Weſen und Aufbau begründet. Wie gering ſind doch die Spuren, die der große Krieg in der Schule zurückgelaſſen hat! So ſtark die Einwirkung von außen auch war, die Zeitdauer der Reizwirkung war doch zu gering, um die Schule aus ihrer geradlinigen Entwicklung herauszuwerfen. Wer lieſt heute noch die Aufſätze, die die Kriegs⸗ jahrgänge unſerer Fachzeitſchriften füllen: die Mathematik und der Krieg, die Phyſik und der Krieg, die Chemie und der Krieg u. dgl. mehr! Nur das Bleibende, als wahr, gut und richtig Erkannte, in ſich feſt Gefeſtigte ſoll Eigentum der Schule werden und verſchafft ſich ſeinen Eingang ganz von ſelbſt, das gilt nicht nur auf wiſſenſchaftlichem Gebiet.

Es liegt nun aber im Weſen der Anpaſſung, daß ſie dem Reiz, der ſie hervorgerufen hat, nachhinkt, daß auf das Maximum des Reizes die Anpaſſung erſt eine gewiſſe Zeit ſpäter folgt, wie Spannung und Stromſtärke beim Wechſelſtrom. Der Phyſiker nennt das eine Phaſenverſchiebung. Sie iſt in gewiſſem Maße nötig. Es wäre grundfalſch, wollte der Lehrer das, was geſtern die Wiſſen⸗ ſchaft gebracht hat, was er ſich heute ſelbſt erſt angeeignet hat, wollte er das morgen in die Schule bringen, vielleicht iſt es übermorgen überholt oder gar widerlegt. Auf der andern Seite darf dieſe Verſchiebung auch nicht zu groß werden, ſonſt verliert die Schule den Zuſammenhang mit der Außen⸗ welt, ſie wird welt⸗ und gegenwartsfremd und läuft Gefahr, ihre Stellung als führende Kulturmacht zu verlieren. Der Tiefſtand, den die höhere Schule damals in der öffentlichen Wertſchätzung hatte, als der alte Humanismus an Altersſchwäche zu Grunde ging, muß uns eine Warnung für alle Zeiten bleiben. Denn neben allen humaniſtiſchen Zielen, neben allen Perſönlichkeitsidealen bleibt es doch immer eine der erſten Aufgaben der Schule, den Schüler lebens⸗ und berufstüchtig zu machen, bleibt als letzter Prüfſtein aller Schulerziehung die Frage: Wie findet ſich der Schüler ſpäter im Leben zurecht, hat ihm die Schule die Kenntniſſe und Erkenntniſſe und vor allem auch die geiſtige Ein⸗ ſtellung und Kraft mitgegeben, daß er ſeine Pflichten gegen den Staat als die Lebensgemeinſchaft, mit der er durch ſeinen Beruf auf Gedeih und Verderb verbunden iſt, erfüllen kann und erfüllen will! In der Antwort auf dieſe Frage liegt die Syntheſe zwiſchen dem alten individualiſtiſchen und unſerm heutigen ſtaatsbürgerlichen Erziehungsideal.