Aufsatz 
Die Realien in dem altfranzösischen Epos "Raoul de Cambrai" / W. Kalbfleisch
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

I. Politische und rechtliche Verhältnisse.

A. Das Königtum.

1. Als Titel des Herrschers findet sich am häufigsten roi; emperere ist im ersten Teil selten und wird es noch mehr im zweiten. Der Dichter liebt es, zu diesen Bezeich- nungen den Namen des beherrschten Landes hinzuzufügen. In der Anrede wird sire rois oder einfach sire gesetzt. Bis- weilen tritt noch ein Epitheton, wie biax, hinzu, das bei roi nie fehlt. Zu emperere wird immer drois gesetzt, welche Verbindung, wie in anderen Epen, formelhaft geworden ist.

Den Fürsten der Heiden legt der Dichter ebenfalls den Titel oi bei, niemals nennt er sie emperere. Als spezielle Bezeichnung für heidnische Grosse verwendet er amassor.

2. Als Stadt, in der König Ludwig Hof hält, erscheint Paris ¹). Ausserdem weilt er in Loon(Laon), auch Monloon genannt ²). Nicht ausdrücklich als Residenz wird St. Denis erwähnt ³).

¹) Li baron vinrent a la cort a Paris, A pié descendent par desoz les olis; El palais montent, ja iert li rois requis 826(ebenso: 1117, 2798, 3869, 6563, 7136/37). Die Stadt erstreckte sich längs des Flusses und hatte, wie es scheint, einen beträchtlichen Flussverkehr: Crient le fu, ci fu lues alumez, Et en Paris par les rues boutez. Jusqu'au palais dont vos oi avez; Dès le Grant Pont ou avalent les nez. Jusqu'au Petit qui tant est renommez. 5484. i'ber die Brücken cf. Bonamy: Mémoire de L'academie royale des inseriptions et belles-lettres. T XVII. Paris 1751 und Kalckstein J. c. p. 31. ²) I. mes s'en torne broichant a esperon Qi l'a conté au roi de Monloon 5911. En. XXX. jors revinrent a Paris; N'i truevent pas le fort roi Loeys. A Loon est avueques ses amis. 8363. ³) Le tort en ot li rois de S. Denis. 824. ebenso: 6555. 7220. Wenn Loon, im 10. Jahrhundert die eigentliche Residenz- stadt der Karolinger, eine untergeordnete Rolle spielt, während Paris, das erst unter den Capetingern in den Vordergrund trat(s. G. Paris Hist. poët. p. 368) in unserem Gedicht als eigentlicher Wohnsitz des Königs erscheint, so wird man daraus doch keinen Schluss auf eine

spätere Abfassungszeit der ursprünglichen Fassung unseres Epos ziehen dürfen.