Das altfranzösische Volksepos Raoul de Cambrai ¹) besteht aus zwei Teilen. Obwohl der letzte von beiden in Assonanzen abgefasst ist, ist er trotzdem weit jünger als der erste, welcher reimt. War jener Bertolois, wie er V. 2442 behauptet, wirklich der Verfasser des ursprünglichen Gedichts und hat er selbst an dem von ihm geschilderten Kampfe teilgenommen, so gehört der erste Teil in seinen Anfängen noch dem 10. Jahrhundert an. Hierfür spricht der Umstand, dass die Sitten der ritterlichen Gesellschaft, so wie sie uns an einzelnen Stellen entgegentreten, noch unentwickelt sind. Die Helden zeichnen sich durch Rohheit der Gesinnung gegen Gott und die Menschen aus, wie sie der späteren Anschauung des Rittertums widerspricht. (S. Gautier: La Chevalerie p. 26 ff.)
Der zweite Teil gehört nach Anlage und Ausführung einer späteren Zeit an. Schon der Eingang ist dafür charak- teristisch. In den 5555 Versen des ersten Teiles wird uns nicht eine einzige Liebesscene geschildert. Der Dichter des zweiten setzt sofort mit einer solchen ein.
Der Kunstgriff, durch den es der Lutice gelingt, ihrem Gatten die Treue zu wahren, die Variation desselben Themas: die Schicksale des Bernier bei den Sarrazenen— dieses und anderes erinnert vielmehr an die späteren Abenteurer- romane als an das Heldenepos. In der That kann der letzte Teil des Raoul von Camb ai nicht vor dem Beginn des 13. Jahrhunderts geschrieben sein. Vgl. P. Meyer's und A. Longnon's Ausgabe Introduction p. XXXIV und sonst. Auf weitere Züge, die auf das höhere Alter des ersten Teils deuten, wird in der Arbeit hingewiesen werden.
¹) Raoul de Cambrai, chanson de geste p. p. P. Meyer und A. Longnon. Paris, F. Didot et Cie. 1882[Société des anciens textes français].


