Aufsatz 
Einige Beiträge zur Geschichte des academischen Pädagogs zu Giessen / Eduard Geist
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

Motion, wie es in einer alten Nachricht heißt,für allzu ſtark von den Herrn Medicis gehalten wurde, benutzte man in dieſer Zeit als Kirche, indem wegen des vielen Landvolkes, das ſich während des Kriegs in die Stadt geflüchtet hatte,) der Raum in der Stadtkirche zu St. Pancratius zu enge wurde, die Selzer Kirche zu St. Peter aber ſchon 1530 bei Errichtung der Feſtungswerke auf Befehl Philipp's des Großmüthigen abgebrochen worden war. Der Anfang des Gottesdienſtes wurde jedesmal durch Trommelſchlag in der Stadt bekannt gemacht. Dieſes Ballhaus iſt ſpäter zu einer eigentlichen Kirche eingerichtet worden und ſo die erſt vor ungefähr 15 Jahren niedergeriſſene Burgkirche entſtanden. 1

Das Pädagog beſtand nach Verlegung der Univerſität vorläufig noch fort; da der Pädagogiarch Scheibler um dieſelbe Zeit nach Dortmund abgieng, ſo wurde der Anſtalt der erſte praeceptor classicus Conrad Matthiä mit Bei⸗ behaltung ſeines Präceptorates als Vicepädagogiarch vorgeſetzt. Allein es zeigte ſich ſehr bald ein großer Verfall des Pädagogs; die Anzahl der Schüler verringerte ſich bedeutend; ſehr viele giengen in das Marburger Pädagog; es fehlte an gewiſſenhaftem Unterrichte und an der nöthigen Disciplin. Der Hauptgrund hiervon lag in den kläglichen Verhältniſſen der Lehrer. Dieſe konnten nämlich, weil alle Einkünfte der Univerſität nach Marburg gezogen worden waren, ihre Beſoldungen nicht erhalten und litten daher in jenen ſchweren Kriegszeiten den bitterſten Mangel, der natürlich auch auf ihre Amtsführung nachtheiligen Einfluß hatte. Sie richteten an den Landgrafen die beweglichſten Vorſtellungen, allein auch dieſer konnte ihnen bei der allgemeinen Noth nicht helfen. Es wurde daher am 117. October 1626 beſchloſſen, das Padagog aufzuheben ¹¹), den Lehrern jedoch ihre rückſtändige Beſoldung aus Univerſitätsmitteln bezahlt. Darauf bezieht ſich folgendes Schreiben:

Nachdem der durchlauchtige hochgeborne Fürſt und Herr, Herr Georg Landgraf zu Heſſen, Graf zu Katzenellen⸗ bogen u. ſ. w., unſer gnädiger Fürſt und Herr, aus erheblichen und wichtigen Urſachen das bisher zu Gießen geweſene Paedagogium abgeſtellt und mit dem Vicepädagogiarchen M. Conrado Malihiae, ingleichen mit den andern dreien praeceptoribus, M. Joanne Honsdorfſio, M. Nicolao Grembsio und M. Philippo Richario Walthero Abrechnung treffen laſſen, und ſich dann befunden, daß zu endlichem Beſchluß und gänzlicher Abfertigung ein für allemal Nl. Conrado Matthiae noch gebühren 110 Gulden und 22 Albus, weiter pro extraordinario officio Paedagogiarchae 60 Gulden, jeden zu 27 Albus in 8 Hellern gerechnet und 12 ½ Achtel an Korn u. ſ. w. So befehlen hochgedachte Seine F. G. hiermit ihrem geweſenen Univerſitätsoconomo zu Gießen, Rudolf Stamm, daß er ihm M. Conrado Matthiae obgedachte ausſtändige Summe Geld und Frucht ſobald liefern, in Ausgab verrechnen und ſich hieran zumal nichts irren noch hindern laſſen ſoll, damit S. F. G. des fernern Anſuchens abkommen und quitt werden mögen. In Urkund S. F. G. Handunterſchrift und vorausgedruckten fürſtlichen Secrets. Geben zu Marburg den 17. October 1626. 3

Indeſſen wollte doch der Landgraf den Bewohnern der Stadt Gießen und der Umgegend die Gelegenheit nicht nehmen, ihre Kinder frühzeitig den Studien widmen zu koͤnnen; es wurde daher beſchloſſen, die hieſtge Stadtſchule in einen ſo verbeſſerten Stand zu ſetzen, daß diejenigen, welche ſie abſolvirt hätten, tüchtig wären, in die oberſte Claſſe des Marburger Pädagogs recipirt zu werden, und alſo doch die Eliern bis dahin ihre Kinder mit geringen Koſten zu Hauſe und unter ihren Augen unterrichten laſſen könnten. Der Kanzler Anton Wolf von Todtenwart ²) und der Paͤdagogiarch Profeſſor Tonſor zu Marburg wurden beauftragt, mit dem Gießer Stadtrath über die Aus⸗ führung dieſes Plans zu unterhandeln. Dieſe machten mit den Bevollmächtigten des Rathes aus, daß das bisherige Local der Stadtſchule erweitert werden ſolle, um die neu eingerichtete Schule in mehreren Claſſen darin aufzunehmen,

*.) Der Gottesdienſt für daſſelbe wurde Anfangs in dem großen Hörſaal des Colleggebäudes gehaltem

¹¹) Kurz darauf, zu Anfang des Jahres 1627, wurde das Pädagog zu Darmſtadt gegründet.

*) Ueber dieſen ausgezeichneten Staatsmann, der ſich auch um die Gründung des Gymnaſtums zu Darmſtadt große Verdienſte erward, vgl. Dilthey Geſchichte des Gymnaſiums zu Darmſtadt S. 179.

2*