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Dieſe Bitten blieben nicht unerhört; zunächſt traf der Landgraf alle Anſtalten zur Auswirkung des kaiſerlichen Privilegiums, wobei er ſich beſonders des um die Univerſität ſehr verdienten Kanzlers Strupp und des Hofmarſchalls Joh. Wolff von Schrautenbach bediente. Er trat ſogar ſelbſt zu Ende März 1607 eine Reiſe nach Prag an in Begleitung ſeines Bruders des Landgrafen Philipp und des Kanzlers Strupp, um die Erlangung des Privilegiums bei Rudolf II. zu betreiben; dieß wurde ihm auch vom Kaiſer bewilligt, die kaiſerliche Bulle jedoch nicht alsbald ausgefertigt. Der Landgraf reiſte mit ſeinem Bruder am 7. Mai wieder ab, ließ aber den Kanzler Strupp zurück, um die Ausfertigung zu betreiben. Nach ſeiner Abreiſe entſtanden neue Schwierigkeiten, indem die Feinde des Darm⸗ ſtädtiſchen Hauſes die Sache zu hintertreiben ſuchten, aber durch den Eifer und das kluge Benehmen Strupp's, ſowie durch die Verwendung mehrerer Fürſten, unter welchen die Churfürſten von Sachſen und Mainz, der Erzherzog und nachmalige Kaiſer Ferdinand und der Erzherzog Marimilian, Hochmeiſter des deutſchen Ordens, genannt werden, wurden alle Anſtände beſeitigt und die kaiſerliche Bulle am 6. Juni dem Kanzler eingehändigt, nachdem er für dieſelbe 1030 Goldgulden bezahlt hatte. Am 29. Juli kam er unter allgemeinem Frohlocken mit derſelben zu Darmſtadt an. Hierauf wurde zunächſt auf Befehl des Landgrafen in allen Städten und Dörfern des Landes eine feierliche Dankſagepredigt mit Abſingung des Tedeuns für die neue lutheriſche Univerſität zu Gießen gehalten. Die damals von Dr. Leuchter in der Schloßeapelle zu Darmſtadt gehaltene Predigt erſchien auch im Druck und iſt noch vorhanden. Am 28. Auguſt erſchien ein ebenfalls, wenigſtens ſchriftlich, noch vorhandenes Programma inaugurale im Namen des Landgrafen, welches in⸗ und außerhalb des Landes publicirt und worin die Bekanntmachung des Privilegiums auf den 7. October feſtgeſetzt und jedermann eingeladen wurde, der Feierlichkeit beizuwohnen. Den Profeſſoren wurde aufgetragen, noch vor der Publication die Statuten zu revidiren, zu verbeſſern und zu vermehren und dabei ſich nach den Statuten der Univerſität Marburg zu richten, was auch geſchah; auch wurden mehrere neue Profeſſoren berufen; Dr. Antonii wurde mit einer Zulage von 15 Gulden zum Kanzler ernannt und trat auch nachher an Winckelmann's Stelle das Rectorat an. Den Bürgern wurde befohlen, neue bequeme Häuſer zu bauen, die alten zu erneuern, mit mehreren Stuben zu verbeſſern, die ankommenden Studenten aufzunehmen und ihnen alle Beförderung zu erzeigen,„welches,“ wie Winckelmann in der heſſiſchen Chronik bemerkt,„die Bürger auch gehorſam⸗ lich verrichtet und hiervon ihrer Nahrung trefflichen Genuß und Vermehrung gefunden.“ Zu den ſchönſten Gebäuden, welche jetzt neu aufgeführt wurden, gehörte das Haus des Kanzlers Antonii, das nachmalige Senkenbergiſche, an deſſen Stelle jetzt das neue Gymnaſialgebäude ſteht.
Die am 7. October in Gegenwart des Landgrafen Statt gefundenen Einweihungsfeierlichkeiten, ſowie die am 8. October vorgenommenen ſolennen Promotionen ſind in Winckelmann's heſſiſcher Chronik, in Nebel's Geſchichte der Univerſität Gießen(in Juſti's Vorzeit. 1828) und andern Schriften umſtändlich beſchrieben und werden daher hier übergangen. Die bei dieſer Gelegenheit gehaltenen Reden und verfaßten Gedichte erſchienen im Druck und ſind meiſt noch vorhanden.
Noch vor dieſen Feierlichkeiten waren auf fürſtliche Koſten Anſtalten zur Erbauung eines Collegii academici gemacht worden. Der Grundſtein wurde ſchon am 25. Auguſt 1607 gelegt und der Bau ſo raſch betrieben, daß er ſchon im September 1608 völlig aufgerichtet da ſtand; doch konnte er„wegen der prächtigen und künſtlichen Einrichtung“ erſt 1611 bezogen werden; bis dahin hatte die Univerſität die Erlaubniß, ſich zu ihren Solennitäten des fürſtlichen Schloſſes zu bedienen. Eine ausführliche Beſchreibung dieſes Gebäudes, ſowie von Gießen überhaupt, findet ſich in Dieterich's 1613 erſchienenen institutiones rhetoricae. Uebrigens erregte dieſes Collegium wegen ſeiner Schönheit und Pracht, und da keine andere Univerſität Deutſchlands ein ähnliches aufzuweiſen hatte, in ganz Deutſch⸗ land allgemeine Bewunderung. Ein gleichzeitiger Schriftſteller ſagt: Collegium Ludovicianum cum exquisilis et superbis ltalorum operibus non comparari, sed vel certare ausit; hactenus enim in academiis aliis, quibus Germania felix luxuriavit, numquam ejusmodi collegium esse aut fuisse compertum est. Es iſt dieß daſ⸗
ſelbe Colleggebäude, welches erſt vor einigen Jahren niedergeriſſen wurde und an deſſen Stelle jetzt die neue Aula ſteht. 8


