Aufsatz 
Über Schulgeist und einiges damit Verwandte / Johann Valentin Klein
Entstehung
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dann kaum; denn eine Reihenfolge neuer Schöpfungen, wovon die jedes⸗ malige aufkeimende letzte den Schulgeiſt bezeichnet, dergeſtalt jedoch, daß dieſer nicht einzig und allein aus dem Samen des Zeitgeiſtes ausgeſproßt, und letzterer nicht als blos durch jenen erneuert gedacht wird, iſt das Ver⸗ hältniß beyder.

Das Verhältniß des Schulgeiſtes zum Volksgeiſte ſcheint fried⸗ licher. Aber es ſcheint oft nur; denn wer bahnt ſchnell, wie die Schule, den Weg über Berge und Meere und über die Grabesnacht von Jahrhun⸗ derten zu fremden Völkern, Sitten, Gewohnheiten? wer prägt der oſt⸗ und weſt⸗indiſchen Jugend alt⸗ und neu⸗römiſche Begriffe und lebendige Zei⸗ c chen ein? Und doch, wenn gleich das Volksmäßige hier und dort durch un⸗ volksmäßige Aufnahme, Aenderung und Nachahmung leidet, will der Geiſt der Schule andererſeits nur die junge Sproſſe des in eigenthümlicher Ent⸗ wicklung ſich fortpflanzenden Volksgeiſtes ſeyn, und nichts in ſich übertra⸗ gen und für das kommende Geſchlecht vorbereiten, als was daſſelbe, ohne das Mittel beſtimmter Schulen, doch durch das Leben weſentlich in ſich erweckt und für das Bewußtſeyn erworben haben würde. So verpflanzt ſie auch wohl aſiatiſche Reben an die Ufer des Rheines; allein dieſer theilt ihnen ſeinen Geiſt mit und befeuchtet ſeine alten Hügel und Auen nach wie vor.

In wiefern nun Staat und Kirche über dem zur Allgemeinheit vorſchrei⸗ tenden Wechſel des Zeitgeiſtes, und über der eigenthümlich umſchränkten Beharrlichkeit des Volksgeiſtes ſichtbar ſtehen und walten; und in wiefern die letztere namentlich die reine Anſtalt iſt, worin der heilige Geiſt ſich kund thut, in ſo fern iſt Schulgeiſt beyden zugleich, d. i. den beyden in in ihnen umfaſſend waltenden Richtungen des menſchlichen Geſammtlebens⸗ verpflichtet und untergeordnet. Darum haben von jeher Staats, und Re⸗

ligions⸗