Aufsatz 
Bemerkungen über einen wichtigen Gegenstand des Unterrichts in Gymnasien / Friedrich Gottlieb Welcker
Entstehung
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daß in dem kehrer ein gewiſſer Kunſtſinn der Menſchenbildung ſeyn muͤſſe, und Kunſtſinn fragt wenig nach Regeln, er findet ſie durch ſich ſelbſt uͤber dem Werke. Wie der Mahler bei einer ſigurenreichen Compoſition jeder bedeuten⸗ den und jeder untergeordneten Figur ihre Eigenthümlichkeit ſichert, alle zu⸗ ſammen behandelt, da alles zu allem ſtimmen ſoll, und durch die verſchie⸗ denartigen Einzelnen ungeſtoͤrt einen Organismus des Ganzen hindurchleitet, ſo kann der Lehrer, dem nicht mehr und nicht weniger, als jenem, unveraͤn⸗ derliche Natur zugleich gegeben iſt mit Freiheit der Geſtaltung, in der Mitte der Zöglinge froͤhlich und künſtleriſch bilden, wobei ſowohl die ſchoͤnen Na⸗

turen, zu denen keine Kunſt etwas weſentliches hinzuthun koͤnnte, durch ſeine Hand gehen, als auch die weniger trefflichen der Abſicht des Ganzen dienſtbar gemacht werden. Wie wir die Zoͤglinge mit den Figuren des Malers ver⸗ glichen, ſo darf die ganze gute Literatur als die Farben betrachtet werden, die ihm fuͤr ſeine Compoſttion zu Gebot ſtehen. Was der alte Rhetorikleh⸗ rer*) verlangte, daß der Lehrer die Beiſpiele in jeder Gattung ſelbſt machen muͤſſe, wenn er nicht laͤcherlich ſeyn wolle, moͤchte nicht einmal ſeiner ziem⸗ lich mechaniſch gewordenen Redekunſt zutraͤglich geweſen ſeyn.

Hier, wo wir uns ganz im Allgemeinen halten müſſen, fragt ſich wenig⸗ Kens das, ob man das jugendliche Genie mehr in poetiſche, oder mehr in proſaiſche Thaͤtigkeit zu ſezen ſuchen muͤſſe. Wir ſind der Meinung, mehr in poetiſche, nehmen aber dieſen Begrif nicht in dem engen, einem faſt zum Ekel werdenden Sinn, der unter vielen Perſonen herrſcht, in deren Jugend⸗ zeit die Poeſte weniger, als izt, gekannt und gelieht war, an deren Ge⸗ ſchmack dabei oft der Zufall ihrer Lectuͤre(indem bei uns kein Compaß der Claſſieitaͤt und Nationalitaͤt auf der See der kiteratur leitet) zum Verraͤther geworden iſt; noch in dem, welchen man ſich von unſchaͤdlichen, aber kindi⸗ ſchen Verirrungen, die jeder originellen poetiſchen Regung, alſo auch der der lezten Zeit in Deutſchland gefolgt ſind, abſtrahiren koͤnnte, oder in irgend einem hier oder dort aufgefaßten Sinn, den man uns unterſchleben konnte, ſondern in dem Sinn, worin die Jugend üͤberhaupt poetiſch iſt, und alle wahre Frelheit der Seele und des Herzens, alle ungemeine Innlgkeit, teben *) ad Herennium I. 4. Anfang.