Wer Neuheit und Sensation als Wert betrachtet— und ein wenig sind wir ja alle von dieser Krankheit angesteckt— unterdrückt schwerlich ein anderes Beden- ken: Sind unsere pietas et humanitas nicht doch etwas altmodische Erzie- hungsziele? Gewiß sind sie alt, uralt, zeitlos. Sie waren aber kaum je so aktuell, so zeitgemäß als heute, wo sie mitsamt allen sittlichen Werten, die im persönlichen Gewissen ihren Kern haben, durch das Absinken der Persönlichkeit in die Masse, die lärmende Hast des Erwerbslebens, die Propaganda, die Gedanken- losigkeit so schwer bedroht sind.
Unser Reifezeugnis bestätigt bloß, daß wir das Pensum erfüllt, eine hinreichende Durchschnittsnote erreicht, in Wissen und Urteilskraft den Anforderungen entspre- chen. Nähmen wir nicht mehr mit, so haben wir Wesentliches versäumt. Reif sein muß auch heißen, durch die geistige Arbeit und den Verkehr mit geistigen Men- schen unser sittliches Gefühl verfeinert, unser menschliches Verhalten erhöht, insbe- sondere durch unser Schulleben die Rücksicht auf den Nächsten, die Achtung vor seiner Person und seinen Uberzeugungen, unsere Hilfsbereitschaft, unsere schlichte, bescheidene Einfügung in die Gemeinschaft geübt, die Verantwortung vor Gott und den Gehorsam vor dem Richterstuhl des Gewissens bewährt zu haben. Diese Auf- gaben erwachsen uns aus unserer pietas et humanitas. Niemand wird sie für alt- modisch halten können.
Aus dieser Erörterung ziehen wir noch eine wesentliche Folgerung. Wir müssen es aufs entschiedenste abwehren, wenn man unsere Schule zur Vorbereitungsanstalt für bestimmte Einzelberufe machen wollte. Es ist von Wichtigkeit, nicht so sehr für das Gymnasium als für den Volkskörper im ganzen, daß Menschen humanisti- scher Haltung auch auf dem Felde der Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft tätig sind, und wir sehen mit Freude und Stolz manchen unserer alten Sodales auf weithin sichtbaren Punkten dieses Feldes tätig. Die Rolle der Persönlichkeit in der Wirtschaft ist keineswegs zu Ende. In den Spalten unserer großen Wirtschaftsblätter wird nicht selten eine„Persönlich- keit“ an verantwortlichen Stellen gesucht. Von Albert Ballin wurde neulich be- richtet, er habe erklärt: Wenn sich mir zwei tüchtige Kaufleute für die Verwaltung der Hapag anbieten und ich höre von dem einen, daß er noch den Homer liest, so ist meine Entscheidung für diesen getroffen. Vor einigen Jahren, als wir in Gefahr waren, unsere beiden wichtigsten Lernjahre, die Sexta und Quinta, abgeben zu müs- sen, stellte mir der wissenschaftliche Mitarbeiterstab der Leitzwerke ein Gutachten aus, das die Bedeutung der vollen humanistischen Vorbildung auch für die Technik betonte. Man könnte die Zeugenreihe verlängern. Sie ist eine Genugtuung für das Gymnasium, sie legt ihm aber auch die Pflicht auf, die bpreite Wissensbasis der Schule zu erhalten. Wir begünstigen nicht oberflächliche Vielwisserei, aber auch kein verfrühtes Spezialisieren. Ich vermeide das in allen Regen- bogenfarben schillernden Schlagwort„Allgemeine Bildung“, weil Fachleute und Laien damit ganz Verschiedenes meinen und bekämpfen. Auf jeden Fall müssen die
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