Aufsatz 
Weg und Ziel des Gymnasiums : 1605 - 1955 ; Festrede / Karl Glöckner
Entstehung
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Grundverfahrensweisen nicht nur der sprachlich-historischen Fächer, son- dern auch der Mathematik und Naturwissenschaft unseren Schü- lern vertraut sein. Ganz besonders muß in der Mathematik auf dem Gymnasium das Gleiche erreicht werden können wie auf den Realanstalten. Wohlgemerkt: nicht alle müssen das erreichen, aber es muß erreicht werden können. Keinesfalls ist das Gymnasium eine Anstalt für schwache Mathematiker. Die Natur ist kein Fremdkörper im geistigen Kosmos. Daß Maß und Zahl den Dingen wesent- lich, daß gerade sie die Welt aus dem Chaos zum Kosmos machen, ist griechisches Denken. Wie die platonische Akademie so schreibt auch das Gymnasium über das Eingangstor den berühmten Satz: Myòdeic.*εομμεέ ερ εo eioitc. Ist das vielleicht zu viel verlangt? Aber erlauben Sie mir einmal ganz Persönliches zu sagen ich bin in 20 Jahren Arbeit am Gymnasium niemals wegen eines Zuviel getadelt, oft aber in meinem Viel bestärkt worden. Und niemals ist es uns(ich schließe in dies uns auch den trefflichen Mathematiker ein, der oft neben mir in den Klassen arbeitete), niemals ist es uns begegnet, daß die Leistungen in den klas- sischen Sprachen und Mathematik wesentlich auseinan- dergingen. Das UrteilMein Kind ist zwar ein guter Lateiner, hat aber kein Talent für Mathematik, ist falsch, verhängnisvoll für das Kind; die Fehlleistung hat hier immer andere Ursachen.

Diese Betrachtung führt mich noch einmal zu Goethe zurück, auf eines seiner letzten Gespräche mit Eckermann, vom März 1832, wo er sub specie aeternitatis die Summe seiner Lebensweisheit zieht.Die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe, und Geschick und Beharrlichkeit es auszuführen. In unserer Er- ziehung zur Humanität muß dieses große, ernste, beharrliche, auch opferbereite Wollen einbeschlossen sein. Nicht immer ist der Polarstern sichtbar. Dann muß die Beharrlichkeit der Magnetnadel den Weg weisen.

Doch der Uhrzeiger mahnt, der schon über die 350 Jahre hinaus in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts hineingerückt ist. Diese besinnliche Betrachtung über Ziele und Aufgaben des Gymnasiums in Vergangenheit und Gegenwart hat uns be- stätigt, daß E. Spranger mit Recht von ihm sagte, es sei die Schule, die sich am klarsten über ihre Wege und Ziele sei. Diese Klarheit ist eine be- freiende, beglückende, ermutigende und einigende Tatsache, deren wir an diesem festlichen Tage uns von Herzen erfreuen wollen. Unser Ziel verpflichtet uns, unter- scheidet uns, schließt uns zusammen. Es hat in der Zeit der Not und des Wiederaufbaus Eltern und Schule fest verbunden und uns Helfer und Freunde zu- geführt; es hat zu diesem Tage Junge und Alte von Nord und Süd, Ost und West um die Schule vereint, und aus dem Bewußtsein unserer geistigen Gemeinschaft spru- delt die Freude dieses Tages. Aus dem Herzen dieser Gemeinschaft steigt der Dank zu Gott empor für das Gute, das wir bei all unserer Schwäche doch tun und empfangen durften, und damit verbindet sich das gemeinsame Gebet, daß seine Gnade und Güte Schule und Lehrer und Jugend weiter segnen möge. Einmütig

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