Die wahre Größe des antiken Denkens und Handelns empfängt in dieser christ- lichen Sicht nicht nur eine Anerkennung, sondern erst ihren tieferen Sinn in der göttlichen Ordnung, der Geschichte der Welt und der Erziehung des Menschen. Von diesen Gedanken des Apostels der Heiden führt ein deutlich sichtbarer Weg zu den Visionen Dantes, in denen ihm der Heide Vergil das Walten der göttlichen Gerechtigkeit im Jenseits entschleiert. So arbeitet auch das Christen- tum mit an der wunderbaren Metamorphose, welche der antiken Kul- tur beschieden war und für die es in der GCeschichte kein zweites Beispiel gibt: Während ihre materielle Grundlage zerfiel, wurde sie völlig umgesetztingei- stige und erzieherische Energie. Schon die Griechen selbst haben diese Arbeit begonnen; denken Sie an die Rolle Homers bei der Erziehung und an die Kritik, die Plato daran übt. Dann haben die feinsten Geister der Römer und aller europäischen Kulturvölker das Werk weitergeführt, nicht zum wenigsten auch die Deutschen; sie haben den grammatischen, literarischen, historischen, philoso- phischen und künstlerischen Stoff gesichtet und im kleinen und großen zubereitet. Durch solche Zusammenarbeit ist die Antike der gemeinsame Erzieher Europas ge- worden. Was sie im besonderen für die glänzende Epoche der deutschen Klassik be- deutet, ist bekannt; aber auch die ältere Generation der Naturwissenschaftler ist zumeist durch die Schule der Antike gegangen.
Die innere Berechtigung zu diesem Erzieheramte gibt der antiken Kultur erstens ihre Genialität— das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung ge- nommen: sie ist Erzeugerin des Geistes, Licht, das Licht entzündet, und immer wie- der jenen erstaunlichen Prozeß auslöst, den wir als Renaissance bezeichnen; zwei- tens, ihr hoher Bildungswert, der die typischen Probleme des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens aufwirft und grundlegende Lösungen in leicht überschaubarer Form bietet; drittens, ihre Erhabenheit über den Streit der Tagesmeinungen. Das ist eben das Klassische, was nicht mehr umgestürzt wer- den kann.
Man tadelt uns wohl, daß wir den Kernstoff unseres Unterrichts aus weiter Ferne holen. Gewiß, wir sind 2000 Jahre jünger oder vielmehr älter, und fast 3000 Jahre mag die Szene zurückdatieren, wo die alte Dienerin Eurykleia den unbekannten fremden Gast in Penelopes Hause wusch, wie sie, die Amme, ihn einst als Kind ge- badet hatte. Da rührt sie an die Narbe der Wunde, die der wilde Eber dem Knaben Odysseus gehauen, sie erkennt ihn wieder, freudiger Schreck lähmt sie, der Fuß entgleitet ihrer Hand und wirft das Becken mit dem Wasser um. Sie springt auf, faßt das Kinn des Mannes, als ob er noch das Kind von damals sei: 7 ld.²³ O00ö
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