daheim und draußen jeder, der sie ausrotten will, die Axt zugleich an die Wurzel ihrer Schwester, der pietas, legt.
Wir sehen daher auch keinen Gegensatz zwischen dieser so gefaßten Humanität und dem christlichen Glauben. Zwar, was der Mensch aus eignem vermag, darüber werden wir, je nach Temperament und Erfahrung, nie ganz übereinkommen. Zwischen der Hybris, die vor 10 Jahren scheiterte und dem Existen- zialismus mit seinem überwältigenden Gefühl der Verlorenheit am Rand des Nichts, zwischen dem Bewußtsein der Sünde und dem Gedanken, daß die Menschenseele naturaliter christiana sei, lassen wir einen weiten individuellen Spielraum. Aber die Antike bleibt uns nicht nur die Grundlage unserer Kultur, sondern auch der Vorhof der christlichen Welt, in dem schon das christliche Altertum die Samenkörner der göttlichen Weisheit und den riοαιιος eic Xpiordy fand. Wir können also nicht hinweggehen über die Bedeutung des platonischen Denkens für das augustinische und das christliche überhaupt, noch über den Einfluß von Ciceros Hortensius auf St. Augustins innere Umkehr. In christlichem Lichte glänzt hell auf die berühmte Stelle in Platos Staat über den vollendeten Gerechten, der den Schein der Ungerechtigkeit und die Verfolgung auf sich nimmt, darum„ge- geißelt, gefoltert, gebunden, geblendet und zuletzt nach allen Mißhandlungen ge- kreuzigt wird“. Die Stelle galt als Prophetenwort, ebenso wie die bekannte Ecloge Vergils, des Vaters des Abendlandes, in der er eine neue Ordnung der Welt, die Rückkehr des goldnen saturnischen Reiches und ein neues Geschlecht vom hohen Himmel kommen sieht: Ultima Cumaei venit iam carminis aetas, magnus ab integro saeclorum nascitur ordo. Iam redit et virgo, redeunt Saturnia regna, iam nova progenies caelo demittitur alto.
Zwar führt die christliche Literatur von Anfang an einen scharfen Abwehr- kampf gegen die stolze Weisheit der Welt, die Torheit ist vor Gott und zu Irrlehren verführt. Aber andrerseits verknüpft doch die Apostelgeschichte Pauli Predigt in Athen mit dem Altar der unerkannten Gottheit und mit der stoischen Lehre vom Göttlichen im Menschen(Kap. 17, 28 f.: In Ihm leben wir... denn wir sind Seines Geschlechts). Der Apostel selbst betrachtet in dem großartigen zweiten Kapitel des Römerbriefs die Gotteserkenntnis und die Sittlichkeit der Antike geradezu als eine Offenbarung Gottes an die Heiden: Was an Cott erkennbar ist, hat er ihnen ge- offenbart; Sein unsichtbares Wesen, seine ewige Kraft und seine CGottheit wird durch die Schöpfung mit dem Ver- standeerschaut. Den gleichen Ursprung erkennt Paulus auch der heidnischen Sittlichkeit zu: So die Heiden, die das(mosaische) Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, sind sie sich selbst Gesetz und beweisen, daß des Gesetzes Werk geschrieben ist in ihren Herzen).— Wer denkt bei diesen Worten nicht an das Daimonion des Sokrates?
1) Röm. I, 19 f.: rb JyOr6v TO5-205 avspy Sotry Sy dro« 5 de- Jdp adroic 8αεευσοεν Td ſdp döpata d5 ob drd roεο αόομο tol rorhhdot vOObRSvA
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