Aufsatz 
Weg und Ziel des Gymnasiums : 1605 - 1955 ; Festrede / Karl Glöckner
Entstehung
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schaften und die Realanstalten die Gleichberechtigung errangen und die Sachlich- keit der herbartischen Pädagogik bei uns einzog.

So nüchtern nun auch das Ziel war, es war immerhin ein konkretes Ziel, das der Jugend anschaulich werden konnte, und es hat einer realistischen Zeit gewisse Dien- ste geleistet. Die Weimarer Republik behielt es bei, erhob es zugleich, indem sie die Selbstverantwortung des freien Staatsbürgers einerseits, die Dienst- und Gemeinschaftspflichten des Bürgers anqdererseits betonte. Wir er- fuhren freilich auch die innere Schwäche dieses Zieles: Es war jung, noch nicht im Volke verwurzelt, es war innerlich kaum gefestigt und hatte so wenig das Ge- wissen bindende Kraft wie der Staat, dessen Ableger es war. Es kam hinzu, daß einzelne Gruppen den Staatsbürger durchden deutschen Menschen, das fremde Bildungsgut durch das nationale ersetzen wollten. Ohne es zu wollen, halfen sie mit, daß 1933 der deutsche Mensch durch den Nationalsozialisten als amt- liches Bildungsziel abgelöst wurde. Diesem Ziel verlieh man den Glanz und die Sanktionen der staatlichen Macht und einer Art von religiöser Bindung; der Staats- bürger, der auf Grund eigener Einsicht handelte, trat ab, weil der Führer immer Recht hatte.

Schauen Sie bitte rasch zuriück auf die Wegweiser, an denen wir vorbeikamen: die eloquens pietas, die humanitas, die deutsche Civität, den Nationalsozialisten: es ist keine aufsteigende Reihe, sie endete in der Katastrophe und der ratlosen Frage: Wasnun? Auf welchen Weg sollten wir die Jugend nun weisen?

Sollte man einen neuen Mythus ersinnen es gab niemanden, der die Ver- wegenheit aufbrachte, darin Rosenbergs Nachfolger zu werden. Wir sind ein altes Kulturvolk gerade die Männer, die sich vermessen hatten, die alten Werte umzustürzen, haben uns das ins Bewußtsein gehämmert. Seinem Volke gilt Goethes Mahnung: Das Wahre ist schon längst gefunden, das alte Wahre, faß es an! Goethes pädagogischer Weisheit entstammt auch der Satz, der 1945 das Leit- motiv des pädagogischen Nachdenkens ward, daß nämlich die Ehrfurcht Anfang und Ziel aller Erziehung sei. Es ist dasselbe Ziel, das unter ähnlichen Verhältnissen der große römische Staatsmann, der die Barbarei der Bürgerkriege beendete und dem Lande Maß und Ordnung zurückgab, sich setzte und von Horaz in dichterische Worte fassen ließ: Dis te minorem quod geris, imperas, Hinc omne principium, huc refer exitum! So haben auch wir Gott an den Anfang und ans Ende unsres Tuns gestellt, das entehrte Bild der humanitas von der Schande gereinigt und an den Ehrenplatz zurückgebracht. Und wenn unsere Schule heute statt der 150 Schüler, auf die sie zurückgefallen war, über 450 zählt, so ist das ein schönes Zeugnis dafür, daß dies Erziehungsideal eine unerwartete Kraft gewonnen hat. Allerdings be- trachten wir diese humanitas nicht mehr als Religion. Zwar ist sie uns gött- licher Auftrag, aber nicht Ersatz für das Reich des Glaubens, der Gnade und der Erlösung. Unsere humanitas ist sich der Grenzen der Menschheit und ihrer eng- sten Verbundenheit mit dem Göttlichen bewußt. Weiß sie doch aus Erfahrung, daß

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