Aufsatz 
Weg und Ziel des Gymnasiums : 1605 - 1955 ; Festrede / Karl Glöckner
Entstehung
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lösen. Gott wird weltfern oder unpersönlich, als deus sive natura, der Mensch seinem Wesen nach als gut aufgefaßt. Die Erziehung hat daher nicht so sehr die Aufgabe das Natürliche zu unterdrücken, als die Naturanlage zu fördern. Das war auch Pestalozzis pädagogischer Ausgangspunkt. Aber im übrigen ist für sein pietistisch gefärbtes Christentum die Humanität kein philosophisch oder philologisch erdachter Begriff, sondern tätige christliche Nächstenliebe, zumal zu den Armen, denen er mit seiner Erziehung durch und für die Arbeit helfen will. Es ist bekannt, daß Pesta- 1ozzis Humanitäts- und Erziehungsideal die Volksschule sich eroberte, während das Gymnasium, damals ja noch die einzige höhere Schule, der Humanitätsidee der Klassik sich hingab.

Aber dieses Leitbild ruhte auf einer irrigen Grundlage. Das griechische Leben war keineswegs von jener ausgeglichenen Heiterkeit überstrahlt, die uns die bil- dende Kunst vorzaubert. Die griechische Humanität aber hatte gegenüber dem Barbaros, dem Sklaven, teilweise auch gegenüber der Frau sehr fühlbare Schran- ken; noch im ancien régime und am Weimarer Musenhof waren sie nicht über- wunden. So ist dieses Ideal, das insbesondere von Lessing, Herder und Schiller er- zieherisch gemeint war, doch ein von der Blässe des Gedankens angekränkeltes Kunstprodukt unserer klassischen Literatur geblieben, zumal deren Werke als Gan- zes erst seit 1860 in den Unterricht gelangten. Von praktischer Bedeutung für die Erziehung ist es kaum geworden.

So war, nachdem das religiöse Erziehungsziel ausgelöscht war, im 19. Jahr- hundert nur die Vorbereitung für die Universität, das intellektuelle Bil- dungsziel, übrig. Der Staat, der 1836 das alte Pädagog der Universität als sein Gymnasium übernahm, machte das Reifezeugnis zur unerläßlichen Voraussetzung des Universitäts-Studiums, wollte und konnte aber der Erziehung weder einen neuen Richtungspunkt noch eine wirkliche Methode geben, da beides in Wirklichkeit nicht existierte. Das klassische Ideal begann schon bald zu verblassen, Politik, Naturwissenschaft und Wirtschaft erfaßten viele der besten Köpfe, und gerade Gießen war ein Beispiel für die neue Ideenrichtung.

Bismarcks mächtige Persönlichkeit und seine Politik setzten auch Deutschlands Bildung bestimmtere Ziele. Die Kriege um die Einheit nach außen, der Kulturkampf nach innen sollten die Macht des Staates mehren, und es wurde Aufgabe des heran- wachsenden deutschen Staatsbürgers, diese Macht zu sichern, zu mehren und ein nützliches Glied des deutschen Volkes zu werden. Der nationale Staat, Richtungspunkt der Politik, ward es auch für die Pädagogik; die Nationalität er- setzte die Humanität. Seit dem Kulturkampf, der die Herrschaft des Staates über die Schule stärkte, ward dieses Erziehungsziel allgemein anerkannt; es war positi- vistisch, sachlich, religiös und weltanschaulich indifferent, wie die ganze Zeit, die zum Jammer Nietzsches, J. Burckhardts, des Rembrandtdeutschen in der spezialisierten Wissenschaft, der Technik, dem Geld- und Geltungsbedürfnis auf- ging. Es war die Zeit, da H. Schiller das Gymnasium leitete, die Naturwissen-

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