Aufsatz 
Weg und Ziel des Gymnasiums : 1605 - 1955 ; Festrede / Karl Glöckner
Entstehung
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Weg und Ziel des Gymnasiums.

Die Jubiläumsjahre unseres Gymnasiums sind weit auseinandergerückt: ein halbes Jahrhundert liegt jeweils zwischen ihnen. Um so notwendiger ist es jetzt, wo die Schule wieder einmal an einem dieser hohen, seltenen Meilensteine ihres Lebens steht, zu verweilen, um Rückschau, Vorschau und auch ein wenig Innenschau zu halten. Da aber Ihre Zeit kostbar ist, möchte ich nicht bekannte historische Einzel- heiten wiederholen, sondern den Weg und das Ziel unserer Schule von anderer Warte, ich möchte sagen sub specie aeternitatis betrachten, wie es eine Stunde wie diese nahelegt, die nur alle 50 Jahre wiederkehrt. Sie ist, um mit dem tiefsinnigen Wort der Alten zu reden, ein 1ιρο, eine Stunde der Gnade, die uns ergreift, die aber auch wir ergreifen müssen.

In erhebendem Ernst haben wir zuerst unserer Toten gedacht. Mit dem gleichen Ernst wenden sich unsere Gedanken zurück zu unserem Gründer, dem frommen, pflicht- treuen Landgrafen Ludwig V., dem Getreuen, der das Gymnasium illustre als Vorstufe der Universität gründete, nicht um des Mäzenatenruhms willen, nicht in der Sorglosigkeit eines reichen Landesherrn, nicht getragen von dem wirtschaftlichen Fortschritt unserer Stadt, sondern aus religiösem Verantwortungsbewußtsein, zur Er- haltung des Evangeliums in der Form, in der es Luther gepredigt hatte.

Dieses religiös, und zwar meist von strenger und enger Gläubigkeit bestimmte Erziehungsziel herrscht rund 150 Jahre. Seit 1750 weitet der Neuhumanismus den Gesichtskreis der klassischen Studien. Zur Grammatik tritt die Sprachwissenschaft, die Kritik, Literatur, Kunst, Philosophie, Religion, die Archäologie mit dem ganzen Kreis des privaten und öffentlichen Lebens. Das Griechische stellt sich mit gleichen, ja höheren Rechten neben das Lateinische; die deutsche Klassik formt seit Winckel- mann das Ideal des griechischen, des vollkommenen, des natürlich-reinen Menschen, der klassischen Humanität und Kunst, der Harmonie von hoher Einfalt, stiller Größe und olympischer Heiterkeit. Der Deutsche beginnt das Land der Griechen mit der Seele zu suchen, der griechische Mensch ist ihm Leitbild menschlicher Haltung, das Klassische wird ihm mit Hyperion zur Religion, während gleichzeitig die christlichen Begriffe Sünde, Gnade, Heil der Seele, Erlösung im Geiste der Aufklärung umgedeutet und säkularisiert werden:Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine MenschlichkeitWer immer strebend sich bemüht, den können wir er-

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