Aufsatz 
Parerga Dinarchea et Thucydidea / Andreas Weidner
Entstehung
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II.

Die Kritik des Thulydides ist durch die vortreffliche Ausgabe von J. M. Stahl aufser- ordentlich gefördert worden. Mit genauer Kenntniſs des Sprachgebrauchs ausgerüstet zeigt sich Stahl nicht minder gewandt in der Anwendung der kritischen Technik, zugleich begabt mit einer seltenen dyxεεοασ. Dieses Rüstzeug schützte ihn gegen die Leidenschaft so vieler Kritiker und Erklärer des Th., mit Anwendung spitzfindelnder Scharfsinneleien oft das Verkehrteste zu deuteln und zu rechtfertigen.Es findet sich ja Nichts so leicht als Gründe für Wunderliches!

Die Bedeutung der Stahl'schen Ausgabe erkennt man auf den ersten Blick, wenn man sie nicht nur mit der Bekker'schen von 1868, sondern auch mit der neuesten der beiden ersten Bücher von A. Schöne zusammenhält.

Aber noch immer haben wir keinen zuverlässigen kritischen Apparat! Selbst die in Deutschland befindlichen, zum Theil trefflichen Handschriften sind noch nicht voll- ständig bekannt. Schreibt doch A. Schöne noch im Jahr 1874 dem wackeren Poppo es nach, daſs der Augustanus anno p. C. n. 1301 geschrieben sei, während er vom Pala- tinus meldet: saeculo XI adscribitur! Ein Blick auf beide Handschriften genügte, um zu erkennen, daſs der Augustanus mindestens 50 Jahre älter als der Palatinus sein muſs. Es ist in der That merkwürdig, daſs ein bayrischer Professor den Thukydides ediren kann, ohne den Augustanus, welcher für Buch I VI an Werth keiner der bekannten Hand- schriften nachsteht, eingesehen zu haben; bedauerlich, daſs er eine genaue Collation nicht mit- getheilt hat. Denn die Bekker'sche Collation genügt nicht. Diese übergeht alle orthographi- schen Abweichungen, auch wenn sie von Interesse sind, z. B. G†⁶ρ⁴ααχ̈ für oανεααιι, alel für del, cf. Marcell. Thuc. 52: xOrαα τm(Cmꝛzαeς dε⁴, örœeν νν ε†ροννν ν di derl 105 α yodoph, ale? Iey. Davon findet sich im Bekker''schen Apparat keine Spur, obwohl der Augustanus sehr häufig alet erhalten hat, zuweilen so und dies ist sehr zu beachten, daſs ale! in dei geändert ist. Was im Augustanus sich findet, steht gewils auch noch in andern Handschriften, welche wir ebenfalls nicht genau kennen. Wenn man also dem Antiphon dasaltattische cle! vindicirt, so wird man es auch Thukydides lassen müssen. Ich notirte mir z. B. ale? aus dem Augustanus VI 31, 2. 86, 4(ε1 m., ale? m. ²), 99, 1. Noch schlimmer ist es, wenn Bek- ker nur zwischen F und F corr. unterscheidet und in dem Bemühen, immer die Lesart der ersten Hand mitzutheilen, einfach als Lesart des F hinstellt, was er theils in anderen Handschriften theils durch eigene Vermuthung gefunden hatte. Dabei kommen mitunter schwere Irrthümer vor. Da z. B. m' fast regemäſsig Suνατισσι, EuporOœretely etc. bietet, die zweite Hand aber» ausradirt hat, so erlaubt sich Bekker mitunter einfach zu schreiben: Sννυιστιισσι F, während in F nur Eb*σταον steht, oder z. B. VII 52 410N ABF, während sich in F nur 4m findet. Verhängniſsvoller sind natürlich falsche Angaben wie VI 78 0dx] oe AEF, wo F 00z enthält. Nicht ohne Einfluſs für die Benutzung der Lesarten ist ferner die Wahrnehmung, daſs F von zwer verschiedenen Händen corrigirt ist, wovon die zweite Hand sehr jung ist. Es müssen also in den Angaben drei Hände unterschieden werden.

Vielleicht genügen diese wenigen Bemerkungen, einen berufenen Kritiker wie Stahl zu veranlassen, die wichtigen Handschriften des Thukydides neu zu vergleichen und uns endlich

einen zuverlässigen Apparat zu schenken. 2