Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

der Kunſt der Aerzte, auf Mittel ſann, ſich ſelbſt zu helfen. Wie es bei Ungebildeten noch heute vor⸗ kommt, ſo ſuchte man auch damals die Urſache des Sterbens in Gift, das von den Feinden der Chriſten⸗ heit, den Juden, in die Brunnen geworfen worden ſein ſollte. Mit Wuth warf ſich daher die Menge auf die vermeintlichen Brunnenvergifter, und bereits im October 1348 begannen zu Chillon am Genfer See die Greuelſcenen, welche ſich in den meiſten Städten Deutſchlands und Frankreichs wiederholten. Man ergriff die Juden, folterte ſie, worauf ſie in ihrem Schmerze geſtanden), was man nur wollte, um dann mit Weib und Kind verbrannt zu werden. In Straßburg ſtarben gegen 2000 Juden, welche der Rath vergeblich zu ſchützen verſucht hatte, den Feuertod. Freilich galt der Zorn der Menge weniger ihrer Perſon als ihren Reichthümern, denn, wie der biedere Jacob von Königshoven erzählt, alle ihre ausſtehenden Forderungen und die darüber in ihrem Beſitze ſtehenden Pfandbriefe wurden vernichtet, ihr baares Geld aber und Gut an die Zünfte vertheilt, unddas was ouch die vergift die die Juden döttete. In manchen Städten, wie in Speyer und Worms, kamen die Juden durch freiwilligen Tod den Mör⸗ dern zuvor, indem ſie ſich mit Weib und Kind in den Synagogen ſammelten und dieſe dann anzündeten. Nur wenige Orte waren klug und menſchlich genug, ihre Juden zu verſchonen, und neben dem Papſte Clemens VI, der zwei Bullen zu ihrem Schutze erließ, eröffnete beſonders der König Kaſimir der Große von Polen den Juden eine Zufluchtsſtätte in ſeinen Ländern.

Während ſich auf der einen Seite die blinde Wuth der Menge auf die Juden warf, ſuchten andere die Urſache des Uebels in der ſittlichen Verdorbenheit der Menſchen, die Gott in ihren Sünden vernichten wolle. Buße war daher ihr Ruf, um Gott zu verſöhnen. Als Mittel dazu benutzte man die Geiſel⸗ fahrten, welche bereits im dreizehnten Jahrhundert von dem heiligen Antonius von Padua aufgebracht worden waren. Jetzt, in den Zeiten der Peſt, wurden ſie erneuert; ein Brief wurde vorgeleſen, welchen ein Engel in die Peterskirche von Jeruſalem gebracht haben ſollte, des Inhalts, daß Chriſtus, erzürnt über die Sünden der Menſchen, die Fürbitte der heiligen Jungfrau und der Engel dahin beantwortet habe, daß jeder, der 34 Tage umherzöge und ſich geiſele, der göttlichen Gnade theilhaftig werden ſolle. In großen Schaaren, anfangs nach Geſchlechtern geſondert, zogen die Geiſelbrüder unter dem Geſange ihrer zum Theil noch erhaltenen Lieder durch Städte und Dörfer, entkleideten ſich auf dem Marktplatze, legten ſich in einem weiten Kreiſe nieder und empfingen dann die Hiebe des Meiſters, der ſie nach dem Grade ihrer Miſſethat geiſelte und dann aufſtehen hieß mit den Worten:

Stant uf durch der reinen martel ere Und hüte dich vor der ſünden mere 71¹).

Der Eindruck, welchen dieſe mit blutigen Striemen bedeckten Schaaren hervorriefen, war ein er⸗ greifender und erweckte überall die Theilnahme des Volkes. Aber bald folgte die Entartung: die Geiſeler glaubten Wunder thun, Kranke heilen zu können, und da ſie ſich den Anordnungen der Prieſter wider⸗ ſetzten und die Bürger auch dadurch gegen ſich aufbrachten, daß Müßiggänger und Tagediebe aller Art, die ſich Frömmigkeit heuchelnd unter ihre Reihen gemiſcht, allen möglichen Unfug trieben, ſo ſchritt die geiſtliche und weltliche Obrigkeit gleichzeitig gegen ſie ein und verbot die Geiſelfahrten. Deshalb ließ denn auch der Eifer nach, um gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts ganz zu erkalten, und wie die Limburger Chronik ſagt,darnach, da das Sterben, die Geiſelfahrt und Judenſchlacht ein Ende hatte, hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu ſein.

²⁰) Vergleiche die erhaltenen Protokolle bei Jacob von Königshoven, S. 1030 ff. Die Judenverfolgung ſelbſt und der damit im Zuſammenhange ſtehende Sturz des Rathes iſt ebendaſelbſt von S. 291297 geſchildert.

) VergleicheJacob von Königshoven S. 297 ff.