18
müſſen glaubte, die wenigen Tage ſeines Lebens genießen wollte, wozu ihm die Paläſte der Reichen und die menſchenleeren Häuſer der Bürger genügende Mittel boten. Mit der größten Gefühlloſigkeit begegnete man den Kranken, ließ ſie ganz im Stich oder warf ihre noch zuckenden Körper auf die Karren, welche die Leichen nach den Friedhöfen fuhren, wo man ſie ſchichtenweiſe, wie Kaufmannswaaren, auf einander legte und dann die Grube mit etwas Erde bedeckte. Die Zahl der Opfer in Florenz ſchätzt Boccaccio auf 100000, in andern Städten war ſie noch größer und betrug nach der Schätzung Heckers in ganz Europa etwa 25 Millionen 65). In Deutſchland allein ſtarben 124434 Barfüßermönche, ein Beweis, wie ungeheuer groß ihre Zahl geweſen iſt, ein Beweis aber auch, daß ſie aufopfernd ihren Beruf erfüll⸗ ten. Dasſelbe wird von den Minoriten erzählt, von denen in Italien 30000 der Peſt erlagen, ſowie von den Franziskanern, welche treu und ſorgſam dem ſchweren Amte der Krankenpflege oblagen. Ueber⸗ haupt iſt der Opfermuth, mit welchem viele, nachdem ſie ihre Habe der Kirche vermacht, in den Hoſpi⸗ tälern Dienſte leiſteten, erhebend und vermag uns mit den Beiſpielen von Roheit und Gefühlloſigkeit auszuſöhnen, welche von Boccaccio und andern angeführt werden.
Die Maßregeln, welche die Behörden getroffen, um die furchtbare Wuth der Krankheit zu beſchränken, ſind ziemlich mangelhafter Natur und wenig geeignet, das verzweifelte Volk zu beruhigen. In Frankreich erhielt im October 1348 die Sorbonne den Auftrag, über die Urſachen der Peſt, eine zweckmäßige Diät ihr Gutachten abzugeben 66). Sie ſprach ſich dahin aus, daß aſtraliſche Einflüſſe die Peſt verurſacht hätten, und verordnet, daß man ſich vor dem Ausgehen bei Regen und Nebel ſowie in der Morgen⸗ und Abend⸗ kühle hüten und warme Kleidung tragen ſolle. Von dem Genuſſe zu jungen wie zu alten Fleiſches wird abgerathen, empfohlen werden dagegen ſcharf gewürzte Brühen und Fleiſch gehörigen Alters. Um die Luft zu reinigen, ſollten auf Straßen und Plätzen Feuer von Wermuth und Chamomillen angezündet werden, deren Geruch vor der Anſteckung ſichere. In wie weit dieſer Rath befolgt wurde, iſt uns unbe⸗ kannt; jedenfalls aber waren die von den Städten Italiens getroffenen Anordnungen weit zweckmäßiger. Dort wurden nicht allein die Straßen von eigens dazu angeſtellten Leuten von dem Unrathe geſäubert und Tag und Nacht große Feuer unterhalten, ſondern man verbot Kranken den Einlaß und ſperrte die Städte ganz ab. In Venedig fanden ſich ſogar ſchon 1348 drei Proveditori di sanita, unter deren Aufſicht das ganze Sanitätsweſen ſtand und deren Befehle von allen befolgt werden mußten. Das wie⸗ derholte Auftreten der Peſt veranlaßte die Herren der italieniſchen Städte, alles zu thun, um die Aus⸗ breitung der Seuche zu hemmen. Ihre dahin zielenden Erlaſſe waren oft hart und grauſam bis zur Unmenſchlichkeit. So gebietet der Visconte Bernabo von Reggio in einem am 17ten Januar 1374 von Mailand aus an den Podeſta von Reggio gerichteten Schreiben ⁶7):
„Wir wollen, daß eine jede Perſon, welcher Geſchwüre und Blattern kommen, ſogleich die Stadt, den Flecken oder die Burg, worin ſie ſich befindet, verlaſſe und auf das freie Feld in Hütten oder in Wälder gehe, bis ſie entweder ſterbe oder geneſe. Ebenſo ſollen diejenigen, die einen Kranken bedienen, nach deſſen Tode 10 Tage warten, bevor ſie Verkehr mit irgend jemand haben. Auch ſollen die Prieſter
³⁵) Vergleiche Hecker, der ſchwarze Tod im vierzehnten Jahrhundert, Berlin 1832, S. 31.
86) Das compendium de Epidemia per collegium facultatis medicorum Parisiis ordinatum iſt abgedruckt bei Hecker, S. 66.
⁶7) Dasſelbe findet ſich in dem Chronicon Regiense bei Muratori, rerum Italicarum scriptores, tom. XVIII, pag. 82 und beginnt mit den Worten: Volumus, quod quaelibet persona, cui nascentia vel brosa veniet, urbem exeat....“ Da ſich das Wort brosa in keinem der dem Verfaſſer zugänglichen Wörterbücher der mittelalterlichen Latinität fand, ſo be⸗ ruht die überſetzung„Blatter“ auf der Autorität von Hulſius italieniſch⸗deutſchem Dictionarium, Frankfurt a. M. 1605, woſelbſt broza= Geſchwürlein, Blätterlein. Die gleiche Bedeutung gibt auch Mathias Krämer, diaz. ital. ted., Nürnberg 1676, welcher jedoch brozza ſchreibt. Nascentia iſt bei Adelung erklärt durch da dr uia, nascens seu excrescens tuber.


