17
erwieſen ſich höchſt gefährlich für die Lebenden, und man erkannte ſehr bald die Zweckmäßigkeit des römiſchen Geſetzes hominem mortuum in urbe ne sepelito neve urito“, erneuerte es und ſetzte ſchwere Strafen auf die Uebertretung desſelben. Theodorich der Große befiehlt:„Wer einen Todten innerhalb der Stadt beigeſetzt hat, ſoll den vierten Theil ſeines Vermögens dem Fiscus bezahlen; wenn er nichts hat, ſoll er geprügelt und aus der Stadt gejagt werden ⁶²).“ Die Friedhöfe wurden deshalb in ſeinem Reiche vor die Städte verlegt, ein Beiſpiel, welches andere Völker bald nachahmten. Immer aber blie⸗ ben ſie unter der Aufſicht der Geiſtlichkeit, welche durch die kirchliche Beſtattung einen gewaltigen Einfluß auf die Gemüther der Menſchen erhielt und daraus auch einen beträchtlichen Gewinn zog. Die Größe der dafür bezahlten Gebühren hing von den angewendeten Feierlichkeiten ab. Man unterſchied eine sepultura sollemnis, eine Beerdigung mit Sang und Klang, und sepultura minus sollemnis, das ſtille Begräbniß, welches entweder zur Strafe oder bei herrſchenden Epidemien geſetzlich angeordnet wurde, um die Gefahr der Anſteckung zu vermindern ⁶³). Aber dieſe letzte Art der Beſtattung war wenig beliebt, und die ſie befehlenden Erlaſſe wurden häufig umgangen, ſo daß man ſelbſt in den Zeiten des großen Sterbens, anſtatt die Leichen ſofort zu beerdigen, wartete, bis die Prieſter mit dem Kreuze kamen und ſich dieſen anſchloß, welche, wenn ſie einen zu Grabe zu tragen glaubten, oft deren acht oder mehr hatten 649). Waren der Todten zu viele, ſo ließ ſie die Gemeinde auf Wagen laden, vor die Stadt bringen und dort in große, mit dürftiger Erde bedeckte Gruben werfen.
Solches war der Zuſtand, in welchem ſich die öffentliche Geſundheitspflege befand, als eine Prüfung über die Menſchheit kam, wie ſie ſchwerer bis jetzt nicht über ſie verhängt worden iſt. Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts drang nämlich von Oſten eine Krankheit nach Europa vor, welche man mit dem Namen des ſchwarzen Todes bezeichnet, obgleich ſie von den Schriftſtellern der damaligen Zeit nicht ſo genannt worden iſt. Furchtbare Erdbeben, Ueberſchwemmungen, Mißwachs und dadurch ver⸗ anlaßte Hungersnoth hatten eine allgemeine Zerſetzung der Säfte des menſchlichen Körpers hervorgerufen und ungewöhnliche Kometen⸗ und Meteorerſcheinungen den abergläubiſchen Geiſt des Menſchen auf ſchweres, kommendes Leiden vorbereitet. Langſam, aber ſicher rückte denn auch die Krankheit heran und begann von 1348 an in faſt allen Ländern Europas zu wüthen. Für einzelne Städte liegen uns beſon⸗ dere Schilderungen vor, von denen wenige ein anſchaulicheres Bild geben, als die von Boccaccio in der Einleitung zum Decamerone beſchriebenen Zuſtände der Stadt Florenz. Nach ihm war die Krankheit um ſo verheerender, als ſchon das Sprechen mit einem Kranken hinreichte, den Geſunden anzuſtecken, und weder der Rath eines Arztes noch irgend eine Arznei Heilung zu verſchaffen vermochte. Die Anſichten, wie man der Seuche entgehen könnte, waren verſchieden: die einen ſchloſſen ſich völlig ab, lebten einfach und mäßig, indem ſie alles Sprechen über die Krankheit vermieden und die Zeit mit Muſik und andern Vergnügungen hinbrachten; andere waren entgegengeſetzter Meinung, lebten luſtig in Saus und Braus, tranken, lachten, zerſtreuten ſich auf jede Art, wobei ſie jedoch den Kranken ſo viel als möglich aus dem Wege gingen. Wieder andere änderten nichts an ihrer gewohnten Lebensweiſe, ſchloſſen ſich nicht ein, ſondern gingen umher, Blumen tragend und Spezereien, um die Naſe vor dem Todtengeruche zu ſchützen, der die ganze Stadt erfüllte. Wie zur Peſtzeit in Athen, ſo ſchwand auch in Florenz alles Anſehen der Geſetze, weil die Diener derſelben theils krank theils todt waren und der Pöbel, der doch ſterben zu
62²) Edictum Theoderici regis CXI:„qui intra urbem Romam cadavera sepelierit, quartam partem patrimonii sui fisco sociare cogatur, si nihil habuerit, caesus fustibus civitate pellatur.“ ⁴³) So geſchah in Straßburg zur Zeit des Sterbens von 1349; ſieh Jacob von Königshovens elſäſſiſche Chronik, herausgegeben von Schilter, Straßburg 1698, S. 305. *¹) Vergleiche Boccaccios Einleitung zum Decamerone. Ähnliches berichtet anch Thucydides II, 52 aus Athen. 3


