Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Wenn das ſpätere Mittelalter, durch bittere Erfahrungen bewogen, allmählich eine ſtrengere Medi⸗ cinalpolizei zu handhaben begann, ſo hatte man ſchon in den früheſten Zeiten der Beſtattung der Todten große Aufmerkſamkeit geſchenkt und war hierin von der Kirche auf jede Weiſe unterſtützt worden. Kirche und Staat ſind nämlich hierbei gleich betheiligt, indem die Pietät den Verſtorbenen die letzte Ehre zu erweiſen gebietet und aus der Unterlaſſung dieſer Pflicht große Nachtheile für die Lebenden erwachſen können. Mit allen Mitteln, die ihr zu Gebote ſtanden, ſelbſt mit Zuhilfenahme der weltlichen Obrigkeit ſetzte es die Kirche durch, daß die heidniſche Leichenfeier, welche ſich das Volk durchaus nicht nehmen laſſen wollte, nach und nach dem chriſtlichen Begräbniſſe Platz machte. Wer ein ſolches nicht erhielt, deſſen Seelenheil iſt in Gefahr; wer einen Leichnam verbrennt, wird mit allen Strafen der Kirche belegt. So gelang es zu bewirken, daß die Leichen der Geiſtlichkeit übergeben wurden, welche ſie in den Gewölben der Kirchen beiſetzte. Damit jedoch die Ausdünſtungen derſelben die Benutzung der Gotteshäuſer nicht hinderten, ſo ſuchte man durch Einbalſamirung die Körper möglichſt lange vor Verweſung zu ſchützen, indem man die Eingeweide aus dem Leibe entfernte und dieſen dann, je nach Rang und Vermögen des Verſtorbenen, entweder einſalzte oder mit Spezereien anfüllte. Die größte Mühe verwendete man auf die Erhaltung von fürſtlichen Leichen, die oft aus weiter Ferne nach den Grabgewölben ihrer Heimath zurückgeſchafft wurden. Der Körper Karls des Kahlen wurde, nachdem die Eingeweide herausgenommen, in Wein gelegt, dann mit Fellen umwickelt in eine Tonne geſteckt; der üble Geruch zwang aber die Leiche beizuſetzen, bevor der gewünſchte Ort erreicht worden war 5⁷). Einfacher war das bei dem 1278 auf dem Marchfelde gefallenen Ottokar von Böhmen befolgte Verfahren, der eingeſalzen in einem Minoriten⸗ kloſter die letzte Ruheſtätte fand 5s), während bei dem Tode der Gemahlin Rudolfs von Habsburg 1281 weit größerer Luxus entfaltet wurde. Man füllte nämlich den ausgenommenen Leib derſelben mit Sand und Aſche, beſtrich das Geſicht mit Balſam, wickelte dann den Körper in Wachstuch ein und ſetzte ihn in einem künſtlich aus Buchenholz gefertigten Sarge in Baſel bei. Sollte ein ſehr weiter Transport des Leichnams ſtattfinden, ſo kochte man dieſen in Waſſer, entfernte Fleiſch und Eingeweide und ſchaffte nur die Knochen fort. So geſchah es mit dem in dem Seleph ertrunkenen Barbaroſſa 53). Sein Körper wurde in Stücke geſchnitten, gekocht und das von den Knochen abgeſchälte Fleiſch ſammt den Eingeweiden in Antiochia begraben, die Gebeine aber in Speier beigeſetzt. Auch ein gewiſſer Graf Adolf ſcheint auf Veranlaſſung Heinrichs des Löwen 1164 auf gleiche Weiſe beſtattet worden zu ſein, indem Helmold be⸗ richtet, daß ſein Leichnam in Stücke geſchnitten, ausgebrannt und einbalſamirt worden ſei).

Die Gewölbe der Kirchen füllten ſich jedoch im Laufe der Zeit mit Leichen, ſo daß es an Platz zu fehlen begann. Darum verordnete ſchon Karl der Kahle, daß außer den Geiſtlichen nur Männer von beſonderem Verdienſte in den Gotteshäuſern beigeſetzt werden ſollten 61). Das gemeine Volk, das jetzt ebenfalls den Gebeinen der Heiligen nahe zu ſein liebte, wurde außerhalb der Kirche und um dieſelbe auf dem geweihten Raume beſtattet, der Kirchhof genannt iſt. Allein die von da aufſteigenden Dünſte

⁵1) Annalen von St. Bertin zum Jahre 877.

58) Chronik von Kolmar zu den Jahren 1278 u. 1281.

50) Chronicon montis sereni ad annum 1190:Translatus est autem a militibus in civitatem Seleph, ubi et intestina ejus humata sunt, corpus vero Antiochiam delatum ibique elixatum est, et caro quidem in ipsa civitate terrae tradita, ossa vero Spiram reportata et tumulata sunt. Etwas abweichend erzählt Benedictus Petroburgensis pag. 566: 'totum corpus in frusta sciderunt et carnem ejus coxerunt et ossa ejus extraxerunt et carnes coctas sepelierunt in Antiochia cum cerebro et visceribus, ossa autem ejus secum tulerunt usque ad civitatem Tyri et sepelierunt ea ibi-

6⁰) Helmoldi chronica Slavorum II, 4.

) Capit. Caroli Calvi tit. VII, c. XIX:'ut nemo quemlibet mortuum in ecclesia quasi hereditario jure, nisi autem Episcopus aut Presbyter pro qualitate conversationis et vitae dignum duxerit, sepelire praesumat.