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Kirche gewähren, nämlich Salbung mit dem heiligen Oel und Gebete. Aber dieſe und andere Verfügungen vermochten das Volk nicht von dem Glauben abzubringen, daß es übernatürliche Mittel gäbe, welche für alle Leiden gut ſeien, und welche man darum zu erlangen ſuchen müſſe. Selbſt die höheren Stände huldigten dieſer Anſicht, ja ſie wußten ſogar, wie die Sage von dem heiligen Grale lehrt, heidniſche Stoffe mit chriſtlichem Mantel zu umkleiden. Der heilige Gral, das koſtbare Gefäß, in welches das Blut des von Longinus in die Seite geſtochenen Heilands aufgefangen worden war, iſt mit Kräften des ewigen Lebens ausgeſtattet, wer ihn anſchaut, kann, wäre er auch noch ſo ſiech, in derſelben Woche nicht ſterben ⁵³). Was die ritterliche Romantik in dem Gral erblickte, das ſah die Menge in dem etwas proſaiſcheren Steine der Weiſen. Wenn dieſer auf der einen Seite die Gabe beſitzt, alle unedlen Metalle in edle zu verwandeln, ſo hat er auch, wie der Arzt Iſaak Hollandus des vierzehnten Jahrhunderts verſichert, die Kraft, alle Krankheiten zu heilen. Ein Stück davon, ſo groß wie ein Weizenkorn, in ein Glas mit Wein gelegt und dann getrunken, verbreitet ſich bis zum Herzen und verjagt alle Krankheit. Daß der Stein ewiges Leben verleihe, wurde anfangs nicht geglaubt; Iſaak Hollandus wenigſtens behauptet dieß nicht, ſondern bemerlt nur:„So aber ein Geſunder ſich alle Wochen des genannten Mittels bedient, ſo bleibt er geſund bei Leben bis zu der Stunde, die ihm Gott geſetzt hat“ 5⁴). Alſo wußte man damals noch nichts von der Eigenſchaft des Steines, Unſterblichkeit zu verleihen, und brachte dieß ſpäter zu einer Zeit auf, wo man ſeine Gaben zu vergrößern ſuchte, um die Nachfrage zu ſteigern und dadurch größeren Gewinn aus der Dummheit der Menſchen zu ziehen.
Neben dieſen unerlaubten Mitteln zum Schutze gegen Krankheiten gab es aber andere, deren Ge⸗ brauch empfohlen wurde, um die Geſundheit zu erhalten oder die gefährdete zu retten. Dazu gehörte vor allem das Faſten, Schröpfen und Aderlaſſen, das zu gewiſſen Zeiten des Jahres, beſonders im Früh⸗ jahre und Herbſte, ſelbſt an Geſunden vorgenommen wurde, um die unreinen Säfte aus dem Körper zu entfernen. Weil ſich jedoch ſehr bald nachtheilige Folgen dieſer Gewohnheit zeigten, ſo fand man ſich veranlaßt, auch hiergegen von Staats wegen einzuſchreiten, und ſchon Ludwig der Fromme befiehlt 55), daß die Mönche für den Aderlaß keine beſtimmte Zeit einhalten ſollten, ſondern daß er an einem jeden vollzogen werde, wann es die Nothwendigkeit erfordere, und daß ihm dann auch eine beſondere Stärkung in Speiſe und Trank gewährt werde. Blutentziehungen waren aber trotzdem ſehr beliebt und wurden ſelbſt bei den großen Peſten angewendet. Neben ihnen erfreute ſich ver Theriak hohen Rufes 56), ſowie auch der Genuß der Gewürze für geſund galt und Wohlgerüche in den Zeiten der großen Seuchen in ungeheurer Menge verbraucht wurden.
³3) So Anfortas im Parzival, IX. Buch, 480, 2s nach Simrock:
„Man trug den König vor den Gral,
Ob Gott ihm hülfe von der Qual.
Da den Gral der König ſah,
Ein neuer Jammer war's ihm da,
Daß er nicht konnt' erſterben.“ Desgleichen IX, 469, 14:
„Wär' einem Menſchen noch ſo weh,
Doch ſtirbt er nicht denſelben Tag,
Da er den Stein erſchauen mag,
Und noch die nächſte Woche nicht.“
³⁴) Dr. G. Lewinſtein, die Alchemie und die Alchemiſten, Berlin 1870, S. 18.
5o) Capitulare Aquisgranense datum DC0CXVII, c. 11:'ut certum phlebotomiae tempus non observent(monachi), sed unicuique, secundum quod necessitas expostulat, concedatur et specialis in cibo et in potu tunc consolatio prae- beatur.
⁵5⁰) Theriak wendete auch der S. 8 erwähnte Derold an.


