Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Mönchsorden zu ſtellen, von welchen keiner berühmter geworden iſt, als der Orden der Brüder des heiligen Geiſtes. Dem Magiſter Guido dieſes Ordens wurde von Innocenz III durch die im Lateran erlaſſene Bulle vom 18. Juni 1204 die Aufſicht über das heilige Geiſthoſpital zu Rom und das zu Montpellier übertragen und eine gemeinſame Ordensregel, welche für alle Zeiten unverändert beobachtet werden ſollte, für beide Anſtalten erlaſſen. Dieſelbe beſtimmt, daß wenigſtens vier Brüder die geiſtlichen Be⸗ dürfniſſe der Kranken befriedigen und für Lebende und Todte beten ſollen, daß ferner beide Hoſpitäler für alle Zeiten vereinigt ſind und unter der Aufſicht eines einzigen Meiſters ſtehen, der jährlich beide beſucht und die Befugniß hat, Brüder aus dem einen Hauſe in das andere zu verſetzen, wie es ihm gut dünkt. Der Meiſter wird von den Brüdern beider Hoſpitäler gemeinſam gewählt; außer ihm hat kein Geiſtlicher Macht über die Glieder des Ordens, und ſelbſt das Interdict kann ſie in ihren Functionen nicht hem⸗ men. Sie dürfen den Zehnten fordern und zu jeder Zeit, ſelbſt während des Interdicts, Almoſen ſam⸗ meln. Doch ſollen ſich, damit keine Unordnung entſtehe, die Brüder des römiſchen Hoſpitals von Santa Maria in Saxia mit dem Einſammeln milder Gaben auf Italien, Sicilien, England und Ungarn be⸗ ſchränken, während die andern Länder den Brüdern von Monpellier überlaſſen ſind 52). Die Wirkſamkeit dieſer beiden Krankenhäuſer war ſo erfolgreich und ihr Ruf ſo groß, daß man die Stiftung in andern Ländern bald nachahmte und die neu errichteten Anſtalten durch Brüder, welche man aus den erwähnten Klöſtern verſchrieb und die deshalb auch deren Regeln zu beobachten hatten, verwalten ließ. Daher kommt es denn, daß ſich an vielen Orten Spitäler vom heiligen Geiſte finden, welche, obgleich ihre Ver⸗ waltung längſt dem Orden entzogen iſt, zuweilen noch jetzt dieſen Namen tragen. Neben den Brüdern des Ordens vom heiligen Geiſte haben ſich Franziskaner, barmherzige Brüder und Schweſtern große Verdienſte um die Krankenpflege erworben und die Hoſpitäler bis zu der Zeit der Reformation verwaltet, wo in den proteſtantiſchen Ländern die bürgerliche Gemeinde der Kirche die Sorge für die Kranken ab⸗ nahm und, wie dieß in England an manchen Orten ſchon früher geſchehen war, Hoſpitäler errichtete, die von der Kirche ganz unabhängig waren.

Trotz allem, was von Seiten der Gemeinde für die Geſundheitspflege geſchehen, waren die Zuſtände immer noch ſchlecht, und das Volk, wenig Vertrauen hegend zu den Aerzten, ſuchte auf anderm Wege den Schutz zu erlangen, welchen ihm die Wiſſenſchaft verſagte. Verkäufer von Amuletten und Zauber⸗ mitteln fanden darum reichen Zulauf, ſo daß ſchon frühe gegen ſie eingeſchritten werden mußte. Bereits Karl der Große verordnet in Capit. add. III, c. 93:Die Prieſter ſollen die Gläubigen ermahnen, daß ſie wiſſen, daß Zauberkünſte und Beſchwörungen irgend welchen Schwächen der Menſchen keine Heilung bringen können, und daß ſie kranke oder hinkende oder ſterbende Thiere nicht heilen, und daß die Anwendung von Amuletten von Knochen oder Kräutern keinem nützt, ſondern daß dieß Schlingen und Hinterhalte des alten Feindes ſind, mit welchen der Treuloſe das Menſchengeſchlecht zu täuſchen ſtrebt. Desgleichen befiehlt er Capit. lib. VI, c. 72, daß kein Geiſtlicher oder Laie ſich bei Krankheiten oder Seuchen der Amulette oder Zaubermittel bedienen ſolle, ſondern für die Krankheit dasjenige anwende, was die Apoſtel und die

⁵²) Wir führen von der aus 21 Paragraphen beſtehenden Bulle, deren weſentlichen Inhalt wir gegeben haben, nur den Wortlaut des§ 8 nach Magnum Bullarium Romanum a Leone magno usque ad Benedictum XIII, Luxemburg 1727 an. Er lautet: Licet autem praedicta hospitalia uniamus, ne tamen hujus modi unio confusionem inducat, cum, etsi unio sit deo placita, discretio tamen ei nihilominus sit accepta, privilegio praesenti statuimus, ut fratres, qui colligendis eleemosynis pro pauperibus hospitalis S. Mariae in Saxia fuerint deputati, tantum Italia et Sicilia et Anglia et Ungaria sint contenti, fratres autem hospitalis S. Spiritus in Monte Pessulano libere in provinciis aliis eleemosynarum statuant collectores, ita quod utrique terminis suis sint contenti nec invadant alteri terminos aliorum. Nec eleemosynae, quae pro hospitali S. Mariae in Saxia collectae fuerint, ad hospitale S. Spiritus transferantur, nec quae fuerint illi fidelium devotione collatae, occasione qualibet deferantur ad istud.