Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Dem Einfluſſe der ſalernitaniſchen Schule, der ſich zuerſt auf die die deutſchen Heere nach Italien begleitenden Aerzte geltend machte, iſt es zu verdanken, daß auch in Deutſchland die Bildung der Aerzte eine tüchtigere wurde, was zu um ſo gelegenerer Zeit kam, als ſchwere Epidemien dazu zwangen, der Geſundheitspflege größere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Schon vor dem großen Sterben des vierzehnten Jahrhunderts wütheten entſetzliche Krankheiten in unſerm Vaterlande, über welche die Chroniſten ihrer Zeit genau zu berichten nicht unterlaſſen haben. Schrecklich war die Seuche, welche im Jahre 1094 in Regensburg innerhalb acht Wochen 8500 Menſchen tödtete. Da die Kirchhöfe nicht ausreichten, ſo wur⸗ den außerhalb derſelben große Gruben gemacht und die Todten hineingeworfen. Uebrigens erſchien das Sterben nach der Meinung des Chroniſten Bernold ⁴⁰) den Weiſen nicht ſo furchtbar, da ſie ſich mit Buße und Beichte auf ihren Tod vorbereiteten. Sogar die Ueberlebenden hielten ſich, wie er berichtet, fern von der Eitelkeit der Welt, Wirthshäuſern und zögerten nicht zu Beichte und Buße zu eilen, ſo daßeine große Menge bei dieſem Sterben recht löblich verſchied. Schwer heimgeſucht wurde auch die Stadt Quedlinburg im Jahre 1020, wo nach einem rauhen Winter eine Krankheit ſo plötzlich entſtand, daß ſie die Geſunden mitten in den Freuden der Tafel hinwegraffte ⁴¹). Gleiches Geſchick traf die Stadt Magdeburg in den Jahren 1170, 1171, 1173 und die Stadt Kolmar 1297 und 1298, Jahre, die für den ganzen Elſaß ſo verhängnißvoll waren, daß in dem kleinen Orte Breiſach ein einziger Pfarrgeiſtlicher an einem Tage 7 Todte zu beſtatten hatte 42). Vorzugsweiſe hatten die Städte zu leiden, weil dort während des Mittel⸗ alters Zuſtände herrſchten, welche die Verbreitung von Epidemien außerordentlich begünſtigten. Die Straßen waren eng und krumm; übergebaute Häuſer wehrten den Zutritt von Licht und Luft. Die Cloaken ergoſſen ſich in das Freie, und in dem hierdurch entſtandenen Sumpfe wälzten ſich Schweine herum, die zwar den Schmutz vergrößerten, aber auch alle herausgeworfenen Abfälle verzehrten. Die Brunnen lagen in oder dicht an den Häuſern, ſo daß ihr Waſſer inficirt werden mußte und die An⸗ ſteckung nur weiter trug. Wenn daher eine Krankheit die Reihen der Einwohner lichtete, ſo iſt es vor allem die Kirche, deren Hilfe angefleht wird. Bittgänge, Buß⸗ und Bettage werden ausgeſchrieben, was ſchon Karl der Große ausdrücklich befiehlt.Wenn, heißt es in capit. II anni DCCCV, c. 4., eine Hungersnoth, Sterben, ungeſunde Beſchaffenheit der Luft oder ſonſt eine Trübſal eingetreten iſt, ſo ſoll nicht unſer Befehl erwartet, ſondern ſogleich die Barmherzigkeit Gottes angefleht werden. Hiermit waren aber zuweilen auch Erlaſſe verbunden, welche den Genuß gewiſſer Speiſen unterſagten, wie z. B. bei der im ganzen Elſaß herrſchenden Seuche des Jahres 1298 Rindfleiſch zu eſſen verboten wurde. Daß dieß allein zur Bekämpfung des Uebels nicht hinreiche, zeigte ſich bald, und in der richtigen Erkenntniß, daß der Staat für die Geſundheit ſeiner Unterthanen zu ſorgen habe, erließ der Hohenſtaufe Friedrich II um das Jahr 1241 eine Medicinalverfaſſung, die für ihre Zeit muſterhaft genannt werden kann. Sein

medici tantae laesionis curandae sollicitudinem habuere atque adhibuere, quae expedire credebant. In crastino vero pes ita denigratus apparuit, ut a medicis incidendus decerneretur. Quod cum ipse prae vitae amore fleri postularet, non est inventus vel medicus vel familiaris vel filius, qui hoc patraret. Tandem accitus cubicularius ejus atque ad hoc coactus, dum ipse dux dolabram manu propria tibiae apponeret, malleo vibrato vix trina percussione pedem ejus ab- scidit. Medici vero appositis medicaminibus, cum eum in crastino visitarent, signis haud ambiguis mortem esse in januis cognoscentes vultu et voce dixerunt:'dispone domui tuae, quia morieris tu et non vives.

⁴⁰) Bernolds Chronik zum Jahre 1094. ⁴¹) Jahrbücher von Quedlinburg zum Jahre 1020. ⁴²) Jahrblcher von Magdeburg zu den Jahren 1170, 1171, 1173; größere Jahrbücher von Kolmar zu den Jahren

1297, 1298. 2