Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

Berufsärzten in Zwiſt geriethen. Die daraus entſpringenden Streitigkeiten waren nicht immer ungefährlich. So hatte Karl der Einfältige von Frankreich den Biſchof Derold von Amiens zum Arzte, während ſeine Gattin ihr Vertrauen einem Salernitaner ſchenkte. Beide disputirten einſt an der königlichen Tafel, wo⸗ bei Derold nach den Regeln der Kunſt, der Salernitaner aber, wie es ihm die Erfahrung eingab, ſprach und dabei offenbar von ſeinem redegewandteren Gegner beſiegt wurde, weshalb er dieſen zu tödten beſchloß. Zu dieſem Zwecke vergiftete er die Pfefferbrühe, in welche beide ihre Speiſen eintauchten, Derold merkte übrigens die Sache noch zu rechter Zeit und rettete ſich dadurch, daß er Theriak nahm. Um ſich zu rächen, vergiftete er jetzt den Salernitaner, und da ſich der letztere nicht zu helfen weiß, ſo fleht er Derold um Beiſtand an, der ihm jedoch abſichtlich das Gift in den linken Fuß zog, ſo daß derſelbe amputirt werden mußte ³⁷).

Derartige Reibungen, bei denen man ſich gegenſeitig herabſetzte, und die offene Feindſchaft der Kirche trugen nicht dazu bei, das Anſehen der Aerzte in den Augen der Menge zu heben, die ſich in den meiſten Fällen ſelbſt zu helfen ſuchte und den Mann der Wiſſenſchaft wenig ſchätzte. Seitdem der Ge⸗ brauch der Bäder allgemein geworden war, gab es eine ganze Claſſe von Leuten, welche das mit dem Bade verbundene Schröpfen oder Aderlaſſen vollzogen und Bader oder Barbiere genannt wurden. Dieſe bemächtigten ſich ſehr bald noch anderer chirurgiſcher Operationen, waren aber ſo wenig angeſehen, daß ſie ſogar für unehrlich galten und erſt durch das Edict des Kaiſers Wenzel vom Jahre 1406 von dieſem Makel befreit wurden. Zunächſt an die ihm in Lebensweiſe und Bildung näherſtehenden Bader wendete ſich das niedere Volk und ſcheint dabei nicht übel gefahren zu ſein, da die wirklichen Aerzte der damaligen Zeit ſie an Kenntniſſen wenig übertrafen. Einige haarſträubende Operationen, von denen uns die Chro⸗ niken berichten, werfen durchaus kein günſtiges Licht auf ſie. Als z. B. der Markgraf Dedo von Rochlitz und Groiz 1190 den Kaiſer Heinrich VI. nach Apulien begleiten ſollte, ſo ſcheute er, weil er fettleibig war, die Beſchwerden der Reiſe. Ein Arzt, deſſen Name uns nicht überliefert iſt, verſprach ihn von dieſem Uebel zu heilen und öffnete, nachdem ſich Dedo ihm anvertraut, dieſem die Bauchhöhle und nahm das Fett heraus, ein Verfahren, an deſſen Folgen der Patient ſtarb ³s). Bei einem andern ſchweren Falle wagen die Aerzte eine Amputation nicht und laſſen ſie von dem Kammerdiener des Verletzten aus⸗ führen. Der Herzog Leopold von Oeſtreich war nämlich am Weihnachtstage 1193 vom Pferde geſtürzt und ſo unglücklich gefallen, daß er das Bein brach und die Knochenſplitter aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen Aerzte wandten zwar ihre Mittel an, aber am folgenden Tage war der Fuß ſo ſchwarz, daß man ihn abſchneiden zu müſſen glaubte. Hierzu hatte weder ein Arzt noch ein Verwandter des Fürſten den Muth, und ſo ergriff denn Leopold ſelbſt eine Streitaxt und ſetzte ſie an den Knochen des Schienbeins, ſein Kammerdiener ſchlug mit einem Hammer darauf und löſte mit dem dritten Schlage den Fuß ab. Jetzt erſt gingen die Aerzte wieder an die Arbeit, fanden aber am andern Morgen den Patienten in einem ſolchen Zuſtande, daß ſie ihm ſagten:Beſtelle Dein Haus, weil Du ſterben und nicht leben wirſt, wie auch wirklich geſchah ³⁵).

³⁷) Richer II, 59 zum Jahre 946.

³) Sieh Chronicon montis sereni ed. Eckstein ad annum 1190: Heinricus rex ducendae uxoris causa ad partes Apuliae profecturus Dedonem, orientalem marchionem, secum voluit proficisci. Qui itineris illius asperitatem et aöris qualitatem corpori suo, quia crassus erat, contrariam sciens, pro tollenda intestinorum arvina medico adhibito, ventris incisione mortuus est XVII Kal. Sept. et in ecclesia Cillensi, quam ipse fundaverat, est sepultus.

³²) Vergleiche Guilelmi Neubrigensis historia ed. Hearnius, Oxonii MDCCXIX pag. 513: Cum Leopoldus in natali beati Stephani jam pransus exisset, ut in campo cum suis militibus luderet, forte equus ejus decidens sessorem quoque dejecit pedemque ejus ita comminuit, ut ossa hinc inde confracta rupta cute exterius prominerent. Acciti mox