Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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und die Mitglieder in allen zu dem Mönchsſtande in Beziehung ſtehenden Fächern heranbilden ſollte, nachdem zu dieſem Zweck die gelehrteſten und hervorragendſten Männer um reichen Lohn als Lehrer gewonnen worden ſeien, daß er aber vor allem und über alles Sorge tragen ſollte für die Kranken, da⸗ mit, wie in Wahrheit Chriſto, ſo ihnen gedient werde ³³). Bei den Benedictinern ſuchten und fanden darum die Kranken Heilung, welche ſie weniger dem wunderthätigen Balſame vom Berge Zion, in deſſen Beſitz die Moͤnche ſein ſollten, als vielmehr deren mediciniſchen Kenntniſſen verdankten. Schon verhält⸗ nißmäßig früh begann man nämlich in Italien die Heilkunde wiſſenſchaftlich zu betreiben, und bereits Caſſiodor gibt den Aerzten des oſtgothiſchen Reiches dazu die nöthige Anweiſung.Lernet, ſo ſagt er ³¹), die Eigenſchaften der Kräuter und die Miſchungen der Gewürze mit aufmerkſamer Sorgfalt behandeln, aber ſetzt alle Eure Hoffnung auf den Herrn, der Leben ohne Ende gewährt. Wenn Euch die Sprache der Griechen nicht bekannt iſt, ſo habt Ihr vorzüglich das Herbarium des Dioskorides, der die Kräuter des Feldes mit wunderbarer Zweckmäßigkeit behandelt und abgebildet hat. Nachher leſet den Hippokrates und Galenus in lateiniſcher Ueberſetzung, d. h. die Therapeutik des Galenus an dem Philoſophen Glaukon und das Werk eines ungenannten Verfaſſers, das, wie es feſtſteht, aus verſchiedenen Schriftſtellern zu⸗ ſammengetragen iſt. Dann ſtudirt die Schrift des Coelius Aurelius über die Medicin und die des Hippo⸗ krates über die Kräuter und verſchiedene andere über die Heilkunſt, welche ich mit Gottes Hilfe in meiner Bibliothek aufgeſtellt und hinterlaſſen habe. Von Italien zog die Bildung mit den Benedictinern in andere Länder, beſonders nach Frankreich, wo es trotz der Verwirrung hochberühmte Lehrer der Medicin gab. Vor allen iſt hier Heribrand zu nennen, zu welchem 991 Richer nach Chartres reiſt, um die Aphorismen des Hippokrates zu ſtudiren. Da ihn Heribrand nur in den Kennzeichen der Krankheiten unterrichtete, ſo bat er, ihm auch das Buch von der Uebereinſtimmung des Hippokrates, Galenus und Soranus zu erklären, was Heribrand that, denn er beſaß große Kenntniſſe in der Pharmaceutik, Botanik und Chirurgie ³⁵). Nirgends blühten jedoch die mediciniſchen Studien freudiger, als zu Salerno, welches bald die Pflanzſchule aller mediciniſchen Facultäten in Europa wurde. Dort lehrten im zwölften und dreizehnten Jahrhunderte jüdiſche und arabiſche neben chriſtlichen Profeſſoren, die den Studenten eine förmliche Prüfung abnahmen und darüber ein Diplom ausſtellten, in deſſen Beſitz zu ſein ſehr hoch ge⸗ ſchätzt wurde 36). Der Zulauf nach Salerno war ſo groß, daß ſelbſt Mönche und Prieſter dahin zogen, ſehr zum Aerger der Päpſte, welche fürchteten, daß eine ſolche Beſchäftigung die Geiſtlichen entweder von der Kirche abziehen oder eine Aufklärung unter ihnen verbreiten würde, die gefährlich werden könnte. Man unterſagte darum bei Strafe des Kirchenbannes den Dienern der Kirche Operationen auszuüben, bei denen Blut flöſſe, ſcheint aber keinen Gehorſam gefunden zu haben, da das Verbot fortwährend er⸗ neuert wurde. Die dem Prieſterſtande angehörigen Aerzte überließen allerdings die Chirurgie ihren welt⸗ lichen Collegen und betrieben mehr den theoretiſchen Theil der Medicin, wobei ſie mehrfach mit den

³³) Infirmorum cura ante omnia et super omnia adhibenda est, ut sicut re vera Christo, ita eis serviatur.

³4) Cassiodori divin. lection. lib. 31.

3⁵) Richer V, 50.

³6) Den Wortlaut eines ſolchen Diploms hat uns Peter von Vineis in epistol. lib. VI, c. 14 erhalten; er iſt folgender: Notum facimus fidelitati vestre, quod fidelis noster N. N. ad curiam nostram accedens, examinatus, inventus fidelis et de genere fidelium ortus et sufficiens ad artem medicine exercendam, extitit per nostram curiam approbatus. Propter quod de ipsius prudentia et legalitate confisi, recepto ab eo in curia nostra fidelitatis sacramento et de arte ipsa fideliter exercenda juxta consuetudinem juramento, dedimus ei licentiam exercendi artem medicine in partibus ipsis: ut amodo artem ipsam ad honorem et fidelitatem nostram et salutem eorum, qui indigent, fideliter ibi debeat exercere. Quocirca fidelitati vestre precipiendo mandamus, quatenus nullus sit, qui predictum N. N. fidelem nostrum super arte ipsa medicine in terris ipsis, ut dictum est, exercenda impediat de cetero vel perturbet.