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geſetzten Einfluß auf den geſtörten Organismus aus und brachten die Aerzte in den ſchlimmſten Verdacht. Selbſt bei dem Volke war der Gebrauch von Giften ſo allgemein verbreitet, daß man Pfeile und Meſſer in ſie eintauchte, damit, wenn die Wunde nicht tödtlich ſei, das beigegebene Gift tödte ²⁷7). Sehr beliebte Arzneimittel waren Wermuth und Alos; letztere, gegen Unterleibs⸗ und Magenbeſchwerden angewendet, mußte auch Schlemmern dazu verhelfen, das Genoſſene zu verdauen und neue Eßluſt herbeizuführen ²).
Daß Aerzte als Sachverſtändige zu Gerichtsverhandlungen zugezogen wurden, zeigt das Beiſpiel des Reoval ²³); im übrigen aber ſcheint die Stellung des ganzen Standes, abgeſehen von einzelnen bevor⸗ zugten Perſönlichkeiten, keine beneidenswerthe geweſen zu ſein, da man, wie bei den Weſtgothen, den Arzt für den Erfolg ſeiner Kuren verantwortlich machte und unter Umſtänden ſelbſt am Leben ſtrafte. Mari⸗ leif, der Oberarzt König Chilperichs, wurde gegeiſelt, ſeines Eigenthums beraubt und der Kirche als Leibeigener übergeben 3⁰), und daß die Behandlung königlicher Patienten nicht gefahrlos ſei, mußten Nicolaus und Donatus ſchwer empfinden ³¹). Als nämlich Auſtrichilde, die Gattin König Gunthramms, an der 580 in ganz Frankreich herrſchenden Ruhr erkrankte, ſo hatten die von den genannten Aerzten verſchriebenen Mittel keine Wirkung. Die Königin, die ihren Tod herannahen fühlte, ſprach zu ihrem Gemahle:„Ich hätte länger leben können, wenn ich nicht durch die Hand verruchter Aerzte, deren Arz⸗ neien mir alle Lebenskraft genommen, umgekommen wäre. Damit mein Tod nicht ungeſtraft bleibe, ſo ſchwöre mir, ſie enthaupten zu laſſen!“ Gunthramm erfüllt ihren Wunſch und ließ nach dem Tode der Königin die Aerzte hinrichten.„Daß er damit eine ſchwere Sünde beging“, unterläßt der fromme Gregor nicht zu bemerken,„ſieht jeder Verſtändige ein.“ Selbſt ein Mann, wie Karl der Große, gab auf den Rath der Aerzte nicht viel und folgte in Krankheiten gewöhnlich ſeinem eigenen Gutdenken. Ja er haßte ſogar die Aerzte, weil ſie ihm riethen, dem Braten zu entſagen und lieber gekochtes Fleiſch zu eſſen, und ſuchte ſich durch Hungern zu kuriren, was nach der Anſicht Einhards ſeinen Tod herbeiführte 32). Wenn daher die Großen des Reichs den ärztlichen Stand ſo wenig achteten, ſo wird wohl das niedere Volk das Gleiche gethan haben, weshalb es auch bei den Franken keineswegs der äußere Vortheil geweſen iſt, der den Beruf eines Arztes zu ergreifen veranlaßte. Bezüglich des Honorars desſelben liegen keine Nachrichten vor; wahrſcheinlich waren geſetzliche Beſtimmungen nicht vorhanden, und überließ man es Arzt und Patienten, die Sache unter ſich zu ordnen.
Mit Ludwigs des Frommen Tode zerfiel das fränkiſche Reich, und es dauerte lange, bis ſich eine neue Ordnung conſtituirte. Daß man in den wilden Zeiten des Kampfes wenig für die öffentliche Ge⸗ ſundheitspflege gethan, liegt in der Natur der Dinge begründet; man mußte froh ſein, daß nicht manche viel verſprechenden Keime gänzlich vernichtet wurden. Juden, Araber und Neſtorianer ſtanden in hohem Rufe, obgleich die meiſten mehr Vertrauen auf Aſtrologie und Zaubermittel als auf die Wiſſenſchaft ſetzten und als Zauberer aus der Gemeinſchaft der Kirche ausgeſtoßen wurden. Dennoch gab es auch damals Zufluchtsſtätten für die Pflege der Wiſſenſchaften, wohin beſonders das Kloſter des heiligen Benedict von Nurſia auf dem Monte Caſſino zu rechnen iſt. Dem von ihm in der erſten Hälfte des ſechſten Jahr⸗ hunderts geſtifteten Orten der Benedictiner ſchrieb die Ordensregel vor, daß er die Wiſſenſchaften pflegen
²7) Gregor von Tours VIII, 29.
²³) Derſelbe III, 36; VIII, 31.
²⁰) Vergleiche S. 5.
³⁰) Gregor von Tours V, 14; VII, 25. 3¹) Derſelbe V, 35.
³²) Einhardi vita Caroli Magni c. 22.


