Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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ſich hatte und die Kranken durch Berührung mit den Händen geſund machte ¹⁷). Ueberhaupt war der Verkauf von Geheimmitteln verboten, und die Verkäufer derſelben konnten froh ſein, wenn ſie mit der Beſchlagnahme ihrer Waaren davon kamen und nicht an Leib und Leben geſtraft wurden ¹8). Alte Weiber geriethen ſchon damals in Gefahr, als Zauberinnen betrachtet und getödtet zu werden, wie 584 in Paris mit einigen Frauen geſchah, die auf die Beſchuldigung hin, die Peſt hervorgerufen zu haben, auf die grauſamſte Weiſe hingerichtet wurden ¹³).

Indeſſen verſäumte man auch nicht, die Hilfe der Aerzte in Anſpruch zu nehmen, deren Zahl ſich in Folge des Bedürfniſſes ſehr vermehrte. Wie bei den Oſtgothen, zerfielen ſie in verſchiedene Claſſen, und Oberärzte und Leibärzte der Könige werden mehrfach erwähnt. Hochberühmt war der Oberarzt Reo⸗ val ²⁰), der in der Unterſuchung der Chrodielde gegen die Aebtiſſin von Poitiers als Sachverſtändiger auftrat, Petrus, der Leibarzt des fränkiſchen Königs Theodorich, welcher mit Protadius in dem königlichen Zelte am Brettſpiele ſaß, als die wüthende Menge hereinſtürmte und den ihr verhaßten Hausmeier tödtete ²¹), Wintarus, der Arzt König Karls, welcher jedoch durch einen Trank das Leiden des ſeiner Für⸗ ſorge anvertrauten Abtes Sturmi von Fulda ſo verſchlimmerte, daß ſein Patient ſtarb ²²).

Karl der Kahle hatte übrigens den Juden Zedechias zum Leibarzte, von dem Regino von Prüm behauptet, er habe für einen Mann gegolten, der die Heilung körperlicher Gebrechen verſtehe, in Wahr⸗ heit aber ein Betrüger geweſen ſei und den König vergiftet habe).

Welches der Bildungsgang der Aerzte des fränkiſchen Reiches geweſen, wo und wie ſie ihre Studien vollendet, iſt uns unbekannt. Manche waren Ausländer, andere lernten, wie der oben erwähnte Reoval that, im Auslande, noch andere gingen bei berühmten Aerzten oder in Klöſter in die Lehre, von deren Mönchen ſich manche vorzugsweiſe mit der Heilkunſt befaßten. Später ſcheinen beſondere mediciniſche Schulen beſtanden zu haben, in welche die Kinder zu ſenden Karl der Große gradezu auffordert ²4). Je⸗ denfalls war man nicht unerfahren in chirurgiſchen Operationen, wendete Aderläſſe und Schröpfköpfe ²) vielfach an und wußte ſelbſt ſchwerere Fälle zu heilen. Reoval vollzog mit Glück eine Hodenexſtirpation, ſo wie er es bei den Aerzten in Conſtantinopel gelernt hatte ²⁵), und in dem größeren Leben Ludwigs des Frommen 3 wird erzählt, daß, als Hildegard ihrem Gemahle Karl zwei Söhne geboren, der eine ſogleich nach der Geburt geſtorben, der andere aber mit glücklichem Erfolge aus dem Schoße der Mutter gehoben und mit für Kinder geeigneten Nahrungsmitteln aufgezogen worden ſei, woraus hervorgeht, daß man auch in der Geburtshilfe nicht ganz unerfahren war. Bei Krankheiten der inneren Organe wurden oft Gifte verordnet; da aber deren Eigenſchaften nicht genug erforſcht waren, ſo übten ſie zuweilen den entgegen⸗

¹) Gregor von Tours X, 25.

¹) Derſelbe IX, 6. Ein Betrüger wird in Paris ergriffen. Man fand bei ihm einen großen Sack, der mit Wurzeln von Kräutern, Maulwurfszähnen, Mäuſeknochen, Bärenklauen und Bärenfett angefüllt war. Da dieſe für Zaubermittel galten, ſo wurden ſie in den Fluß geworfen.

¹²) Derſelbe VI, 35.

²⁰) Derſelbe X, 15.

) Fredegar 27.

²²) Eigils Leben des Abtes Sturmi von Fulda 25.

²³) Regino von Prüm zum Jahre 877. Jahrbücher von St. Bertin zum Jahre 877.

²⁴) Capitulare primum anni DCCCV. De compoto, ut veraciter discant omnes. De medicinali arte, ut infantes hanc discere mittantur.

²⁵) Gregor von Tours V, 6. 34.

²⁶) Derſelbe X, 15.