Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Auf ziemlich gleicher Stufe mit den genannten Völkern ſtand die öffentliche Geſundheitspflege bei den Franken, obgleich dieſe bei den fürchterlichen Krankheiten, die im ſechſten Jahrhunderte ihr Land heimſuchten, alle Urſache gehabt hätten, ihr größere Fürſorge zu widmen. Ruhr und Peſt rafften die unglücklichen Ein⸗ wohner hinweg und verſchonten ſelbſt das Vieh nicht, von dem in vielen Gegenden kaum ein Stück übrig blieb ¹⁰). Von Schrecken ergriffen, flüchtete man aus den Städten in das offene Land und trug hierdurch nur dazu bei, die Seuche in bisher verſchonte Gegenden zu tragen. Da in der großen Noth keine Hülfe vor⸗ handen war, ſo ſuchte und fand das gläubige Volk Heilungen, die ihm die Wiſſenſchaft nicht zu gewähren wußte. Bitt⸗ und Bettage, Faſten und Kaſteiungen ſollen den Zorn des Himmels beſänftigen, die Für⸗ bitte der Heiligen die bedrohte Gegend ſchützen ¹¹). Aber nicht nur zur Zeit von Epidemien gewährte die Kirche den Bedrängten Zuflucht, nein ſie glaubte auch dem Einzelnen in Fällen unheilbaren Lei⸗ dens helfen zu können. Hohen Ruf genoß insbeſondere die Heilkraft des Oels der Lampe des heiligen Martinus zu Tours, das Blinden die Sehkraft, Tauben das Gehör, Stummen die Sprache wiedergab und ſelbſt den Säulenheiligen Vulfilaich von den Blattern befreite ¹2). Nicht minder berühmt war die Wundergabe des heiligen Hospitius, der einem Taubſtummen geweihtes Oel auf den Scheitel und in den Mund goß und ſo ſein Leiden heilte, der Blinde ſehend machte und böſe Geiſter austrieb ¹³). Dasſelbe gelang dem Biſchof Nicetius von Lyon ¹⁴); Zahnſchmerzen dagegen heilte der heilige Aredius durch Handauflegen, worauf der Schmerz ſofort verſchwand und niemals wiederkehrte ¹⁵).

Neben den Heiligen hatten freilich auch Wunderdoctoren und Charlatane Zuſpruch, ſo daß die Obrigkeit ſich veranlaßt ſah, gegen ſie einzuſchreiten. Von dieſen iſt keiner berühmter, als Deſiderius von Tours ¹⁶), der um das Jahr 587 vorgab, er könne Wunder thun. Die Gichtbrüchigen oder ſonſt Ge⸗ brechlichen ließ er von ſeinen Dienern an den Händen und Füßen ergreifen und nach verſchiedenen Rich⸗ tungen hin ausrecken, ſo daß man meinte, die Sehnen müßten zerreißen. Dem Unfuge ſteuerte die Geiſt⸗ lichkeit, die auch einen Mann von Bourges 591 tödten ließ, weil er ein Weib mit Namen Maria bei

medicus hoc comprobet, quod verum fuisset, quod de ipsa plaga os tulisset. C. 6:'si autem testa transcapolata fuerit, ita ut cervella appareat, ut medicus cum pinna aut cum fanone cervellam tangat, cum XII sol. componat. C. 7:'si autem ex ipsa plaga cervella exierit, sicut solet contingere, ut medicus cum medicamento aut sirico(Charpie) stupavit et postea sanavit, et hoc probatum fuerit, quod verum est, cum XL sol. componat. Ferner iſt bei Criminal⸗ fällen, die Tödtung von Frauen betreffend, ohne Zweifel ein Arzt zugezogen worden, wenn er auch im Geſetze nicht erwähnt wird, weil nur ein Sachverſtändiger die nöthige Section vornehmen und die geſtellten Fragen beantworten konnte. Vergl. u. a. leg. Saliorum tit. 75:'Si quis mulierem gravidam occiderit, sol. DC culpabilis judicetur. Et si probatum fuerit, quod partus ille vir fuerit, simili conditione pro ipso puero DC sol. culpabilis judicetur.- Ferner leges Alamannorum tit. 91: ˙Si quis mulieri praegnanti abortum fecerit, ita ut jam cognoscere possit, utrum vir an femina fuit, si vir debuit esse, cum XII sol. componat, si autem femina, cum XXIV. Si neutrum cognoscere potest et jam non fuit formatus in lineamenta corporis, cum XII componat. Weiter lex Bajuvariorum tit. VII, c. 18:'Si quis mulieri ictu quolibet avorsum fecerit, si mulier mortua fuerit, tanquam homicida teneatur. Si autem tantum partus extinguitur et si adhuc partus vivens non fuit, XX sol. componat. Si autem vivens fuit, weregildum persolvat LlII sol. et tremisse.

¹⁰) Gregor von Tours, Geſchichte der Franken VI, 31. 44; X, 30. Im Falle nichts bemerkt iſt, ſind die mittel⸗ alterlichen Schriftſteller citirt nach denGeſchichtſchreibern der deutſchen Vorzeit in deutſcher überſetzung von Pertz, Grimm, Lachmann, Ranke u. A., Berlin bei Duncker.

¹¹) Gregor von Tours IV, 5; IX, 21. 22 u. a. m.

¹2) Derſelbe II, 13. 37; IV, 16; V, 6; VIII, 15.

¹8) Derſelbe VI, 6.

¹⁴) Derſelbe IV, 36. Daß übrigens der Verſuch nicht immer gelang, beweiſt VII, 44. ¹5) Derſelbe X, 29.

¹6) Derſelbe IX, 6.