Aufsatz 
Zur Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege im Mittelalter / Johann Ludwig Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Bezirke eingetheilt, über deren Umfang und Grenzen wir nichts Näheres wiſſen; einem jeden ſtand ein Oberarzt vor, der die Aerzte ſeines Bezirks zu überwachen hatte. Ein comes archiatrorum hatte die Aufficht über das Medicinalweſen des ganzen Staates, deſſen Stellung von der höchſten Bedeutung ge⸗ weſen ſein muß. Der Zutritt zu dem Palaſte des Königs ſteht ihm zu jeder Zeit offen; er darf den König mit Faſten quälen und hat über ihn eine ſolche Macht, wie dieſer nicht hat über die andern ²). Die von Theodorich getroffenen Einrichtungen wurden von den Longobarden übernommen und mehrfach erweitert; das edictum Rotharis weiſt wenigſtens dem Arzte in gewiſſen Fällen eine begutachtende Stellung vor Gericht an und erwähnt ſeines Honorars, obgleich es über deſſen Höhe nichts angibt ³).

Wenn ſo Oſtgothen und Longobarden die Einrichtungen der Römer übernahmen und ihren Sitten und Bedürfniſſen anpaßten, ſo hätte man eine weitere Ausbildung des Sanitätsweſens von den Weſtgothen erwarten ſollen, denen das längere Beſtehen ihres Reiches in Gallien und Spanien, die Berührung mit Römern und ſpäter mit Arabern eine günſtige Gelegenheit bot, von Fremden zu lernen und das für gut Befundene ſich anzueignen. Einen Fortſchritt gewahren wir zwar darin, daß bei ihnen der Verkauf von Giften und Abortivmitteln geſetzlich verboten iſt 4), aber auf der andern Seite legen die Geſetze der Ausübung der Heilkunde Hinderniſſe in den Weg, die manchen abſchrecken konnten, ſich dem Berufe eines Arztes zu widmen. Die betreffenden Beſtimmungen lauten nämlich):

1) Kein Arzt unterſtehe ſich ohne die Gegenwart des Vaters, der Mutter, des Bruders, des Sohnes, des Oheims oder irgend einer Verwandtin einem freigeborenen Weibe zur Ader zu laſſen. Sobald der Fall eintritt, daß die oben genannten Perſonen nicht zugegen ſind, dann möge er entweder in Gegenwart achtbarer Nachbarn oder Sclaven oder geeigneter Mägde gemäß der Beſchaffenheit der Krankheit verord⸗ nen, was er weiß. Wenn er ſich anders zu handeln unterſtanden hat, ſo iſt er gezwungen, den Verwandten oder dem Gatten 10 Schillinge) zu zahlen, weil es nicht ſehr ſchwer iſt, daß bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit bisweilen ein Unfug unterlaufe. 4

²) Das Anſtellungsdecret desſelben iſt uns in Cassiodori Variarum lib. VI, 19 erhalten. Es heißt dort:'a praesenti tempore Comitivae archiatrorum honore te decoramus, ut inter salutis magistros solus habearis eximius et omnes judicio tuo cedant, qui se ambitu mutuae contentionis excruciant. Esto arbiter artis egregiae, eorumque distingue confliictus, quos judicare solus solebat affectus. In ipsis aegros curas, si contentiones noxias prudenter abscindis. Magnum munus est, subditos habere prudentes et inter illos honorabilem fieri, quos reverentur ceteri. Visitatio tua sospitas sit aegro- tantium, refectio debilium, spes certa fessorum. Requirant rudes, quos visitant, aegrotantes, si dolor cessavit, si somnus affuerit. De suo vero languore te aegrotus interroget audiatque a te verius, quod ipse patitur. Habetis et vos certe verissimos testes, quos interrogare possitis, perito siquidem archiatro venarum pulsus enuntiat, quid intus natura patia- tur. Offeruntur etiam oculis urinae, ut facilius sit vocem clamantis non advertere, quam hujusmodi minime signa sentire. Indulge te quoque palatio nostro; habeto fiduciam ingrediendi, quae magnis solet pretiis comparari. Nam licet alii subjecto jure serviant, tu rerum domino studio praestantis observa. Fas est tibi nos fatigare jejuniis: fas est contra nostrum sentire desiderium et in locum beneficii dictare, quod nos ad gaudia salutis excruciet. Talem tibi denique licentiam nostri esse cognoscis, qualem nos habere non probamur in caeteros.

³) Sieh edictum Rotharis 78. 79. 81. 83. 84. 89. 94. 96. 101. 102. 103. 109. 110. 111. 112. 118. 124. 128. 339 in Walter, Corpus juris Germanici antiqui, Berlin 1824, deſſen Text auch den ſpäter angeführten Geſetzesſtellen zu Grunde liegt.

4) Sieh leges Wisigothorum lib. VI, tit. 2 u. 3.

) Leges Wisigothorum lib. XI, tit. 1.

) In den deutſchen Volksrechten waren die Strafen anfangs nach Goldſchillingen bemeſſen, einer Münze, welche von Conſtantin an die Stelle des alten aureus imperatorius geſetzt wurde. Ein solidus aureus wog von 85 87 ¾ Gran und zerfiel in Stücke von ½ semisses, von tremisses und ¼ quadrantes. Da ihn jedoch die merovingiſchen Könige etwas ſchwerer ausprägten, ſo iſt ſein Werth ſchwankend. Die Franken rechneten ihn zu 40 Pfennigen, was, den Pfennig zu 101⁄%, kr. angeſetzt, ungefähr 6 fl. 51 kr. oder 3 Thlr. 27 ½ Gr. ergeben würde. König Pipin hörte nun ganz auf